Critical Mass Berlin

Es ist Freitagabend 19:28 Uhr – der letzte Freitag im November. Es ist bitterkalt. Zitternd stehen wir zu dritt am Heinrichplatz in Berlin Kreuzberg. Nach und nach versammeln sich wie zufällig immer mehr Fahrradfahrer um uns herum. Und auch die Polizei ist schon anwesend. Eine junge Frau spricht uns an: „Pssst, wo geht´s denn los?“. Es liegt ein Hauch von Rebellion in der Luft. Für einen Augenblick wollen wir den Asphalt Berlins erobern. Der Verkehr auf den Straßen soll zum Erliegen kommen – so will es die Critical-Mass-Bewegung. „Am Mariannenplatz sind noch viel mehr…“ schnappe ich auf. Wir rollen langsam Richtung Mariannenplatz, mal nachschauen … Schon von Weitem hören wir die Musik, die aus den auf Anhängern montierten Lautsprechern wummert. Einige Teilnehmer sind verkleidet oder haben bunt blinkende LED-Lampen an ihr Fahrrad montiert. Trotzdem die Temperaturen um den Gefrierpunkt schwanken, haben sich mehrere Hundert Fahrardfahrer am Mariannenplatz zur Critical Mass Berlin eingefunden.

Ihren Ursprung hat die Critical-Mass-Idee in San Francisco an der US-amerikanischen Westküste. 1992 versammelten sich hier erstmal mehrere Hundert Radfahrer zu einem per Mundpropaganda und Flyer verbreiteten Termin, um im Pulk für die Rechte der Radfahrer sowie eine entsprechende Infrastruktur in der Großstadt zu radeln. Mittlerweile finden sich weltweit jeweils am letzten Freitag eines Monats Radfahrer zu solchen Aktionen zusammen – auch in Berlin.

Es geht los. Der Verband setzt sich in Bewegung. Hektik bei der Motoradstaffel der Polizei, die sich an die Spitze setzt. Wir fahren über die Oranienstraße. Passanten rufen: „Fahrt mehr Fahrrad, fahrt mehr Fahrrad!“. Die Autofahrer fahren an den Rand, machen Platz auf der Straße. Für den Augenblick gehört sie uns. Ein tolles Gefühl zum Klang der Musik friedlich durch Berlins Mitte zu radeln. Auch rote Ampeln dürfen wir im Verband überfahren, wenn die Spitze der Kolonne die Kreuzung bei Grün passiert hat. Ein paar Schlenker durch Kreuzberg später erreichen wir den Checkpoint Charlie, fahren weiter auf der Friedrichstraße nach Norden.

„An alle Einheiten: Sie biegen rechts in die Leipziger Straße. Ich wiederhole: rechts in die Leipziger Straße.“ Die Funkgeräte der Polizei-Motorradstaffel laufen heiß. Auf allen vier Spuren geht es auf der Leipziger Straße gen Alexanderplatz. Glücklich, wer jetzt nicht mit dem Auto unterwegs ist: Der Verband ist mittlerweile auf einen knappen Kilometer Länge herangewachsen. Kurz vor dem Alexanderplatz sind wir fast bis an die Spitze hinter den Polizeimotorrädern herangekommen. Aus der ersten Reihe fragt jemand: „Wenn wir jetzt in den Tunnel fahren, dann können sie uns nix, wa?“. Schon ist die Ampel grün und die ersten geben Vollgas – Richtung Tunnel.

Weiter geht es über die Greifswalder Straße nach Nordosten, dann biegen wir auf die Danziger Richtung Prenzlauer Berg ab. Die Finger sind taub von der kalten Luft. In der Masse finden sich die verrücktesten Gefährte – es geht auch darum, aufzufallen in der Critical Mass. Vom Fahrrad mit autoähnlichen Reifen bis zum vier Meter langen Liegerad ist alles dabei. An den neuen BND-Gebäuden vorbei geht es auf der Chausseestraße bis nach Wedding, dann weiter Richtung Moabit. Ein Highlight sind die Kreisverkehre am Ernst-Reuter-Platz und an der Siegessäule: Mehrere Runden kreisen wir auf den Verkehrsknotenpunkten, sodass sich ausschließlich Fahrräder im Kreisverkehr befinden – Gänsehaut!

Das große Finale findet – wie könnte es anders sein – am Brandenburger Tor statt. Der Pariser Platz ist gefüllt mit Zweirädern. Die Critical Mass hat die Touristen auf die Seitenränge verbannt. Mit ausgestreckten Armen heben alle ihre Fahrräder in die Höhe. Es ist eine Geste, die die Stärke des Verbands symbolisieren soll – und das Zeichen für den Abschluss der Novemberauflage der Critical Mass Berlin. Genau so plötzlich, wie sich das Feld zwei Stunden und 26 Kilometern zuvor formiert hat, löst es sich nun wieder auf. Was bleibt ist hoffentlich die Botschaft der Bewegung, sind die Forderungen: mehr Rechte und Großstadtraum für den umweltfreundlichen Zweiradverkehr – bis zur nächsten Aktion der Critical Mass Berlin.

 

Route der Critical Mass Berlin im November

Critical Mass Berlin

Grafik: Eike Mitte

 

Critical Mass Bewegung

Die Critical Mass (kritische Masse) ist eine weltweite Bewegung, die für mehr Raum für Radfahrer sensibilisieren will. Die kritische Masse ist mit 16 fahrradfahrenden Personen erreicht. Nach § 27 StVO gilt dies als geschlossener Verband und es darf nebeneinander auf einer Fahrspur gefahren werden. Unter Beachtung der Straßenverkehrsregeln mischt sich der Verband in den normalen Verkehr und bewegt sich ohne festgelegte Route durch die Stadt.

Die Bewegung entstand in den 1990er Jahren in San Francisco. Seither hat sich die Bewegung weltweit verbreitet und findet in unzähligen Großstädten statt. Das bis dato größte Event war in New York im Jahre 2004, an dem mehrere Tausend Fahrradfahrer teilnahmen, um gegen George W. Bush zu protestieren. Die Critical Mass Berlin gibt es seit 1997. Knapp 20 Teilnehmer trafen sich zur Stadtrundfahrt. Innerhalb von wenigen Monaten erhöhte sich die Zahl auf mehrere Hundert Fahrradfahrer.

 

Critical Mass Berlin

Critical Mass Berlin

Die Critical Mass Berlin findet für gewöhnlich am letzten Freitag eines Monats statt. Alle Informationen und Termine gibt es auf der Facebookseite Critical Mass Berlin.

Fotos: Michael Adomeit, Eike Mitte