Tubing in Laos – Alles andere als eine runde Sache

Mr. T in Vang Vieng
Mr. T vor seiner Organic Farm in Vang Vieng, Foto: Erik Lorenz

Der Nam Song ist für Vang Vieng gleichermaßen Segen und Fluch. Längst ist der Fluss, der durch die 25.000 Einwohner zählende Stadt im Herzen Laos‘ fließt, nicht mehr nur Symbol des Lebens. In den vergangenen Jahr hat ihn der Fun-Sport-Trend Tubing in Laos auch zum Wahrzeichen für die Frage des richtigen Umgangs mit einem wachsenden touristischen Interesse gemacht.

Mit seiner Kurzgeschichtensammlung „Lesereise Laos – Vom Schwinden der Silberfäden“, die 2014 im Picus-Verlag erschienen ist, zeichnet Erik Lorenz das Bild eines Landes, das die Balance zwischen Wachstum und einer ökologisch und sozial verträglichen Tourismusindustrie sucht.

 

Leseprobe

Von Silberfäden und Sünden

von Erik Lorenz

Als Mr. T. ein paar „Tubes – alte Reifenschläuche von Traktoren und Lkws – in den Fluss warf, veränderte er das idyllische Dorf Vang Vieng, in dem Schönheit wie zarte Silberfäden in der Luft lag, für immer. Er setzte eine Entwicklung in Gang, die den kleinen Ort abheben ließ.

Idyllisch ist Vang Vieng auf seine Weise noch immer: Es gibt noch die Karstfelsen im Westen, die sich jenseits des Flusses Nam Xong aus den weitläufigen, wogenden Reisfeldern erheben. Wasserfälle verbergen sich dort, Dutzende riesige Höhlen, kleine Dörfer. Vorn am Fluss werfen ein paar Jugendliche ihre Netze aus. All das war Vang Vieng und all das ist Vang Vieng, aber es ist auch: Alkohol, Drogen, Lärm. Ein Sündenpfuhl. Wie ist es dazu gekommen?

Besuch bei Mr. T. Er ist ein freundlicher Herr Ende sechzig. Bei jedem der vielen Lächeln, die nach anfänglicher Scheu über sein Gesicht huschen, sieht man, dass ihm schon ein paar Zähne fehlen.

Aber das kecke Funkeln in seinen Augen und der breitkrempige weiße Strohhut mit der Aufschrift „Ronaldinho“ verleihen ihm einen bubenhaften Charme. Fast könnte man erwarten, dass er hinter der zerfurchten Stirn über den nächsten Streich nachsinnt.

Fast. Natürlich hat Mr. T. – das T. steht übrigens nicht für Tubing, sondern seinen Nachnamen Thanongsi – anderes im Sinn. Vor allem ist da seine sechs Hektar große biologisch geführte Farm am Nam Xong, in deren Restaurant wir sitzen, mit Baguettes vor uns, die mit hausgemachtem Ziegenkäse belegt sind. Es ist nicht leicht, über die Runden zu kommen, war es noch nie.

Als er die Farm 1996 mit dem Ziel gründete, die Seidenproduktion wiederzubeleben und Maulbeerbäume pflanzte, von deren Blättern die Seidenraupen sich ernähren, reichten die Einnahmen vorn und hinten nicht. Er hatte in Sofia Biologie studiert; Landwirt war er nicht.

Er musste erst einer werden – und verlor inzwischen Zeit und Geld. Derweil mussten fünf Mitarbeiter bezahlt werden, die von früh bis spät auf den neuen Feldern schufteten. Auch seine Familie musste leben.

Blick vom Hotel Bountang Hotel auf den Nam Xong, Tubing Laos

Vom Dach eines Gästehauses blickt man auf den Fluss Nam Xong, der zur Reifen-Rutsche für Touristen geworden ist, Foto: Erik Lorenz

Mr. T. diversifizierte, pflanzte nun auch grünen Tee an, Kräuter, Obstbäume und Gemüse, und kaufte Tiere. Und er öffnete seine Tür für freiwillige Helfer aus aller Welt, die die Arbeitsweise einer Bio-Farm kennenlernen und ein paar Stunden am Tag für Unterkunft und Verpflegung mithelfen wollten.

Viele waren es anfangs nicht. Der nächste Ort, das vier Kilometer südlich gelegene Vang Vieng, war trotz der wundervollen Landschaft, in die es gebettet ist, ein unscheinbares Dorf, das von Landwirtschaft und Fischfang lebte.

Die kühlen Morgen verbrachte Mr. T. mit den Helfern auf den Feldern und zwischen den Obstbäumen. Der Nachmittag war für Freizeit reserviert. Doch was gab es zu tun? Mr. T. überlegte, wie er ihnen Abwechslung verschaffen konnte.

Er erinnerte sich an einige Farmer, die sich anstelle von schwerfälligen Holzbooten behände mit aufgeblasenen Traktor-Reifenschläuchen über das Wasser bewegt hatten. Sie paddelten hin und her, wendig wie Fische, transportierten Gemüse oder hielten Netze in den Fluss.

„Das sah gemütlich aus“, erinnert sich Mr. T. Er kaufte einige Schläuche in Vang Vieng und warf sie bei seiner Farm ins träge dahinströmende Wasser. „Ich zeigte meinen Helfern, wie sie mit Flip Flops paddeln konnten, setzte ihnen ein paar große Hüte auf die Köpfe und drückte ihnen Bücher in die Hand. Der Rest ist Geschichte.“

Fortan trieben die Helfer auf dem Wasser vor der Farm herum. Ein paar von ihnen wollten eines Tages nach Vang Vieng, doch die Farm verfügte nur über wenige Motorroller und Fahrräder. Also ließen sie sich die vier Kilometer flussabwärts treiben.

Sie glitten zwischen Feldern und Dörfern und kleinen Wäldern durch, vorbei an den Karstbergen, die sich ein paar Hundert Meter dahinter erhoben. Nach drei Stunden erreichten sie Vang Vieng – und ließen sich von einem tuk tuk zurück zur Farm bringen, um die Aktion sogleich zu wiederholen.

Erik Lorenz

Autor Erik Lorenz, Foto: Falk Wernsdorf

Die Einheimischen wunderten sich über die seltsamen Westler, die mächtig Spaß zu haben schienen. Und die wenigen Touristen in Vang Vieng erkundigten sich, wo man diese Schläuche bekommen könne.

Ein paar Wochen darauf verlieh jedes zweite Geschäft im Ort Tubes für umgerechnet fünfzig Cent das Stück. Das „Tubing“ sprach sich herum und eine wahnwitzige Entwicklung wurde losgetreten.

Das verträumte Idyll, das 1996 tausenddreihundertachtzig Menschen besuchten und das bis 2002 nicht einmal Strom hatte, wurde von seiner plötzlichen Beliebtheit förmlich überrollt und wandelte sich zur berüchtigtsten Partymeile des Landes. Mit hundertsiebzigtausend Besuchern im Jahr.

Weit über hundert Gasthäuser und Hotels wurden gebaut. Internetcafés nisteten sich in kleinen Läden ein. Shops verkauften T-Shirts mit der Aufschrift „In the Tubing – Vang Vieng“, die man bald im ganzen Land sah. Lümmelrestaurants wurden aus dem Boden gestampft, die auf Matratzen ausgebreitete, Cocktail schlürfende Vollblutlethargiker auf Flachbildschirmen mit Folgen von „Friends“ und „Family Guy“ dauerbeschallten.

Auf der Speisekarte: Fast Food, Haschisch, Marihuana, Opium. Entlang der TubingStrecke eröffneten Bars, die den Vorbeitreibenden Seile zuwarfen und sie an Land zogen, damit sie sich nach einem gratis Willkommensschnaps eimerweise mit Mojitos, Whisky-Cola und halluzinogenen Pilzen zum kleinen Preis vollstopfen konnten.

Westliche Animatoren trieben sie beim Bechern an. Danach, wenn ihre Reaktionsfähigkeit jener von Zombies gleichkam, ließen sie sich von zehn Meter hohen Seilschaukeln – wilden Konstruktionen, die bald den Beinamen „Todesschaukeln“ erhielten – und „Ziplines in den Fluss schwingen. Oder sprangen kopfüber von Bambustürmen. Dazu wummernde Musik vom Vormittag bis in die Morgenstunden. Vang Vieng hob ab.

 

Buchcover Laos Erik Lorenz Picus-Verlag 2014

Foto: Picus-Verlag

Nachschub gefällig?

Die Fortsetung sowie weitere Geschichten gibt es in „Lesereise Laos – Vom Schwinden der Silberfäden“ von Erik Lorenz, erschienen im Picus-Verlag, 2014, 132 Seiten, 14,90 Euro