„Abenteuer Seven Summits“: Warum, Barbie-Girl, warum?

Ebenso stark und zackig wie schlank und zart: Helga Hengge ist Deutschlands erfolgreichste Bergsteigerin

Helga Hengge ist die erste Deutsche, die es auf den Gipfel des Mount Everest geschafft hat – und auf sechs weitere höchste Berge, nicht selten bei niedrigsten Temperaturen und Schneesturm. Wer, wenn nicht sie, könnte eine der größten Fragen der Abenteurerei beantworten: Warum?

Helga Hengge – Abenteuer Seven Summits

Helga Hengge

„Bei meiner ersten Himalayaexpedition, die ich mit einem Team von vierzehn Männern antrat, nannten alle mich Barbie-Girl. Der Song spielte gerade im Radio und vielleicht sah ich auch so aus, vor allem im Kontrast zu den Männern, die mit jedem Tag bärtigere und heroischere Züge annahmen.“

Helga Hengge kommt aus einer anderen Welt. Aufgewachsen in der oberbayerischen Idylle verschlug es sie 1991 nach New York, wo sie Wirtschaft, Film und Philosophie studierte und als Modejournalistin arbeitete. Teure Kleider, teures Essen, Fotoshootings in aller Herren Ländern, Glitzer und Glamour. Big Apple at ist best. Ein Bild, das zu der zarten blonden Frau passt.

Hengge beim Aufstieg zum Mount Everest mit ihrem Team im Mai 1999 – Abenteuer Seven Summits

Hengge beim Aufstieg zum Mount Everest mit ihrem Team im Mai 1999

Geschafft: Am 27. Mai 1999 stand Hengge als erste deutsche Frau auf dem Gipfel des Mount Everest – Abenteuer Seven Summits

Geschafft: Am 27. Mai 1999 stand Hengge als erste deutsche Frau auf dem Gipfel des Mount Everest

 

Eine Antwort – 416 Seiten lang

Doch es gibt da noch eine andere Helga Hengge, eine die nicht weniger zart und blond ist. Aber eine mit Bergsteigerstiefeln an den schlanken Füßen. Helga ist die erfolgreichste Bergsteigerin Deutschlands, die erste deutsche Frau, die es auf den Gipfel des höchsten Bergs der Welt geschafft hat: den Mount Everest mit seinen 8.848 Metern. Auf der Nordroute über Tibet hatte es auch kein deutscher Mann vor ihr geschafft. Helga hat alle Seven Summits bestiegen, den höchsten Gipfel eines jeden Kontinents, und viele mehr. Fakten. Die Frage ist nur: Warum macht jemand so etwas? Warum tut man sich so etwas an?

Helga Hengge: "Abenteuer Seven Summits", 416 Seiten, 24 Euro

Helga Hengge: „Abenteuer Seven Summits“, 416 Seiten, 24 Euro

Helga hat eine Antwort darauf – wenn auch keine einfache. Kein eingängiges Credo, keinen Merksatz, der mit einem Ausrufezeichen schließt, von dem man sich angesprochen fühlen könnte oder müsste. Helgas Antwort ist 416 Seiten dick. „Abenteuer Seven Summits“ heißt ihr Buch, das im Eigenverlag erschienen ist.

Schuld an allem ist ein heißer Sommernachmittag in New York im Jahr 1996. Helga war aus ihrer überhitzten Dachgeschosswohnung in die kühlen Räume einer Bibliothek am Union Square Park geflohen, wo sie in einem Stapel Bildbänden mit Bergpanoramen Abkühlung suchte. Alaska, Tibet, die Anden, auch ein Buch von Dick Bass war darunter. Der Amerikaner hatte 1985 als erster Mensch der Welt alle Seven Summits bestiegen, den höchsten Berg eines jeden Kontinents.

Den Aconcagua in den suüdamerikanischen Anden. Den Kilimandscharo in der afrikanischen Savanne. Europas höchsten Gipfel, den Elbrus. Alaskas Denali. Den antarktischen Mount Vinson. Die Carstensz-Pyramide im Dschungel von Papua. Und schließlich den Mount Everest im Himalaya, den höchsten Berg Asiens – und der Erde.

Brass ist schuld daran, dass Helga die Bibliothek an diesem Tag mit einem Lebenstraum statt einem neuen Buch unterm Arm verließ: die Seven Summits zu besteigen. In Ihrem gleichnamigen Buch erzählt sie von ihrem Abenteuer, das sie aus dem New Yorker Großstadtdschungel herausriss und in eine neue Welt entführte. Eine Welt ohne Luxus und Toilette, eine Welt der Entbehrungen und Begegnungen mit Menschen, die einen Lebenstraum teilen – und Begegnungen mit sich selbst.

„Es ist das ursprüngliche, bedürfnislose Leben, das ich am Bergsteigen so liebe, die Zeitlosigkeit des Gehens, ein Schritt nach dem anderen. (…) Der Wind trägt Verwirrungen und Zwänge davon und nichts bedrängt mich, wenn ich mit ihm im Rücken ein Schneefeld hinaufsteige. Gedankenfetzen rauschen vorbei, bis sich eine wohlige Leere einstellt, das Gefühl, bei mir zu sein. In solchen Momenten spüre ich, wer ich wirklich bin, und ich schöpfe Vertrauen in die Kraft, die in mir steckt.“

 

Mehr Leben als Risiko?

Ihr Traum und ihr Ehrgeiz haben ihr den Vorwurf eingehandelt, verantwortungslos zu sein. Wie man als zweifache Mutter so ein Risiko eingehen kann? Mit den Worten „Für meinen Mann und unsere Kinder Marie und Luca Tashi“ eröffnet Helga ihr Buch und hält nicht hinterm Berg damit, dass sie keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage geben kann – zumindest nicht denen, für die das, was sie tut, mehr Risiko als Leben bedeutet. Für sie nämlich ist es genau andersherum. Der Traum gehört zu ihr. Es ist der Traum, den sie liebt – und von dem sie lebt. Für sie besteht die Verantwortung darin, die Risiken richtig abzuschätzen, richtige Entscheidungen zu treffen. Sie will die Gipfel nicht um jeden Preis.

So wie in Tibet, wo sie nach sieben Wochen, die sie am Cho Oyu bereits auf den richtigen Moment für die Besteigung gewartet hatten, wegen eines extremen Wetterumschwungs abbrechen mussten. Einmal, bei der Besteigung des Gasherbrums in Pakistan fehlte Helga einfach die Kraft. Die schlechte Stimmung im Team, das schlechte Wetter und diverse Zwischenfälle hatten an ihr gezehrt. Sie hätte die Möglichkeit gehabt, mit einem anderen Team zu gehen – und hingeschmissen. Etwas, das sie bis heute ärgert. Sie will auf diese Gipfel. Sie muss. Sie ziehen sie magisch an. Aber sie will eben auch wieder nach Hause kommen.

„Es ist mir nie schwer gefallen zurückzukommen. Im Gegenteil, ich war meist überglücklich, wieder nach Hause fahren zu dürfen, meinen Mann und meine Kinder in meine Arme zu schließen, im eigenen Bett zu schlafen, heißes Wasser über meinen Körper rauschen zu lassen, zu essen, was und wann ich will, und mir die Menschen auszusuchen, mit denen ich am Tisch sitze und meine Mahlzeit teile.“

Hengge und ihr Team steigen zum Mount Vinson auf, dem mit 4892 Metern höchsten Berg der Antarktis und einem der Seven Summits

Hengge und ihr Team steigen zum Mount Vinson auf, dem mit 4892 Metern höchsten Berg der Antarktis und einem der Seven Summits

Das Camp am Mount Vinson – Abenteuer Seven Summits

Das Camp am Mount Vinson

 

Sie war sicher, sich überschätzt zu haben

Doch die Abenteuer sind auch ihr Leben. Helga hält Vorträge darüber. Weniger Diashows mit schönen Bildern. Sie wird vor allem von großen Banken gebucht, von Autokonzernen oder Versicherungsunternehmen. Männerdomänen. Die Frage, die sie dort beantworten soll, ist weniger die nach dem „Warum“, sondern die nach dem „Wie“: Wie erreicht man ein Ziel, das man sich gesteckt hat? Wie bringt man ein geplantes Projekt zum Erfolg? Wie schafft man es bis ganz nach oben?

Sie trägt dann ein Vier-Phasen-Modell vor, das sie aufgrund ihrer Erfahrungen entwickelt hat. Vor allem aber erzählt Helga ihre Geschichte. Und spätestens, wenn sie davon erzählt, wie ihr der Sauerstoff ausging und sie fast aufgegeben hätte, von dem Moment, in dem sie sicher war, dass sie sich überschätzt hatte, dass sie es nicht schaffen würde, ist das Publikum still. Helga war schon fast umgedreht, als ihr Begleiter feststellte, dass er ihre Sauerstoffflasche nicht richtig aufgedreht hatte. Einen Handgriff und ein paar Atemzüge später hatte sie neuen Mut gefasst, alles war wieder gut. Zumindest bis sie über die Leichen der beiden Bergsteiger steigen musste, mit denen sie wenige Tage zuvor im Camp zusammengesessen und über die beste Aufstiegsstrategie gesprochen hatte.

„Oft habe ich mir geschworen, dass dies mein letzter Berg war, dass ich mir solche Strapazen nie mehr antun würde, dass ich nun geheilt sei von meiner Abenteuerlust. (…) Mehr als ein paar Monate sind allerdings nie vergangen, bis die Sehnsucht wieder erwacht ist, die Sehnsucht aufzubrechen, auszubrechen, mich von den Fesseln des Alltags zu befreien, die sich fast unmerklich von Tag zu Tag enger um meine Seele schlingen. Dann sind die Widrigkeiten plötzlich vergessen und es zieht mich hinaus, den Wind zu spüren, der zum nächsten rauen Abenteuer ruft.“