Das Bergvolk der Karen in Thailand

Eine halbe Million Menschen haben sich im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte an der burmesischen Grenze in den nord-thailändischen Bergen angesiedelt – Flüchtlinge aus Burma, dem heutigen Myanmar, Einwanderer aus Süd-China und Laos. Mit fast 300.000 Stammesmitgliedern bilden die Karen die größte Bevölkerungsgruppe. Eine sowohl geografische als auch politische Grenzwanderung.

Der Blick schweift ins Land – vier Autostunden und einen halben Tagesmarsch entfernt von Chiang Mai. Die wundervolle Aussicht über die dicht begrünten Hügel entlohnt für den stundenlangen Aufstieg in der sengenden Mittagshitze.

Irgendwo hier verläuft sie, die burmesische Grenze – eine Spannungslinie im politischen Südostasien, mitten hindurch durch die Idylle. Mehr als 500.000 Menschen aus Süd-China und Laos suchten auf der thailändischen Seite Schutz. Vor allem aber Menschen aus dem benachbarten Burma, dem heutigen Myanmar, das erst seit kurzem die ersten vorsichtigen demokratischen Schritte geht.

Das dunkle Holz knarrt unter den nackten Füßen – Teak. Hier in den Bergen Nord-Thailands schießt der wertvolle Rohstoff aus dem Boden wie die Wolkenkratzer im New York der 20er Jahre. Was fehlt ist die luxuriöse Anmut, die es westlichen Immobilien verleiht.

Auf Pfählen stehende Ein-Zimmer-Bambushütten mit einer offenen Kochstelle; darüber eine Metallplatte, auf der die Getreide-Ernte getrocknet wird. An den Wänden hängen alte Taucherbrillen und Zahnbürsten, deren rot verfärbte Borsten die Bewohner als Betel-Kauer entlarven – ein Genuss- und Rauschmittel, das in Blätter gewickelt wird. Darauf, dass vor dem Betreten die Schuhe ausgezogen werden, wird allerdings Wert gelegt. Wie am Schnürchen stehen sie am oberen Ende der Hühnerleiter aufgereiht. Unter den ein bis zwei Meter hoch gelegenen Terrassen liegt das Vieh. Gewohnt wird in der ersten Etage, gearbeitet im Erdgeschoss – sozusagen.

Den großen Blättern, mit denen die Dächer alle zwei bis drei Jahre neu gedeckt werden, hat die Regenzeit offensichtlich zugesetzt.

Die Karen sind Weber, Geschäftsmänner, Landwirte. Sie züchten Rinder, Schweine und Hühner – zum Eigenverzehr und auch zum Verkauf. Männer und Jungen treiben das Vieh über die aufgeweichten, rot-braunen, schlammigen Wege durch das Dorf auf die Weiden.

Fast alles, was die Karen im Alltag benötigen, bauen sie selber an oder tauschen untereinander: Gemüse, Reis. Auch wenn Ihnen der Verkauf auf den Märkten das notwendige Kleingeld einbringt: An große Sprünge ist nicht zu denken.

Die Karen-Frauen knüpfen mit ihren Töchtern und Nachbarinnen Armbänder, kleine Taschen, weben bunte Schals. Sie verkaufen sie auf Märkten in den Städten, die oft mehrere Tagesmärsche entfernt liegen. Hin und wieder kommt jemand vorbei, jemand der aussieht, als hätte er Geld und würde etwas von diesem Ort mitnehmen wollen. Dann breiten sie ihre Werkstücke auf orange- und rosafarbenen Planen aus, alle nebeneinander, versuchen ihr Sortiment zu bewerben.

Dass die Karen-Frauen sich das Weben und Knüpfen untereinander beibringen, verrät das Angebot, das sich von Plane zu Plane kaum unterscheidet.

Das Gros ihres Lebensunterhalts aber verdienen sie mit der Landwirtschaft. Sie bestellen ihre Felder mit Reis, Gemüse, Mais und Opium; ein Problem für die Thailändische Regierung, dass sie mit finanziellen und politischen Mitteln sowie Kontrollen einzudämmen versucht – angesichts der Größe des Terrains eine schier unmögliche Aufgabe. Auch die massive Brandrohdung, mit der die Karen Platz für den Anbau schaffen, ist kaum kontrollierbar.

Es riecht nach Existenzangst, nach Duldung. Mimik und Gestik können die Skepsis, das Misstrauen nicht verbergen, mit dem die Bauern Fremden Gesichtern hier begegnen. Immer wieder gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Thais und den Männern, die zum Arbeiten über die Grenze kommen – Gewalt aus Angst.

Reis ist die Grundlage der Karen

Ihren Kindern versuchen die Karen das Leben zu ermöglichen, dass sie bei ihren Wanderungen in die Städte sehen. Sie schicken sie auf thailändische Schulen.

Oft muss der Nachwuchs der Karen die Dörfer schon sehr jung verlassen. Irgendwann, so hoffen die Eltern, kommen sie als junge Erwachsene zurück, gebildet und tüchtig, um bei der Arbeit zu helfen und das Leben im Dorf ein bisschen besser zu machen.

Die Regierung muss die Bergvölker, die in den hiesigen Bergen immer sesshafter werden, unterstützen, um den lukrativen Opium-Anbau und die Brandrohdung einzudämmen und um beruhigend auf die politisch angespannte Lage an der burmesischen Grenze einzuwirken. Eine Solarplatte hat die Regierung jedem Haushalt geschenkt. Eine Glühbirne kann man damit betreiben – oder einen Fernseher. Für einen Kühlschrank reicht es nicht. Mit bunten Plastikeimern zieht eine kleine Abordnung in Richtung Dorfausgang zum Wasserholen. Die Quelle ist ein Rohr, das aus der Felswand ragt. Sie ziehen den Maiskolben aus der Öffnung und lassen das klare Wasser in ihre Behältnisse fließen. Das Dusch- und Toilettenhäuschen hat einen eigenen Anschluss – eine Regentonne, in der der Niederschlag gesammelt wird.

Der Weg zurück ins Dorf der Karen führt an einem kleinen gemauerten Haus vorbei, mintgrün getüncht, die Fensterläden sind verschlossen. Es ist die Krankenstation – auch ein Projekt der Regierung. Einmal im Monat, kommt eine Krankenschwester hierher, um die Dorfbewohner zu behandeln und mit den notwendigsten medizinischen und Hygienemitteln zu versorgen. Einmal im Monat. In Notfällen sind die Menschen meistens auf sich allein gestellt. Und doch sind sie stolz auf diese Errungenschaft.

Vor allem aber sind sie dankbar; dankbar dem König gegenüber. Von der Sonne verblichen ziert sein Bild die Wände der Bambushütten – es zeigt ihn in offiziellem Aufzug, mit ernster Miene, vor blauem Hintergrund. Die Menschen hier sind aus der politischen Notwendigkeit heraus geduldet. Erwünscht sind sie nicht.