Auf 16 wilden Mustangs quer durch die USA

Der Texaner Ben Masters hat sich einen Traum erfüllt. Fünf Monate lang ist der 27-jährige zusammen mit drei Freunden auf dem Rücken von wilden Pferden statt mit Pferdestärken durch sein Heimatland gereist. Arizona, Utah, Idaho, Wyoming, Montana – ein unglaublicher Trip von Süden nach Norden durch die USA. Ab dem 15. Oktober 2015 ist sein Film “Unbranded” im Rahmen der E.O.F.T. (European Outdoor Film Tour) in Deutschland zu sehen.

Ein Gespräch über Kakteen, Schuldgefühle und die Frage, was Vertrauen und Bahnübergänge miteinander zu tun haben.

EOFT Unbranded

Cowboy-Feeling: Vier junge Männer auf dem Ritt ihres Lebens – 3.000 Meilen von Mexiko bis Kanada. Foto: C. Richards Photography/Unbranded – The Film

Ben, war es eine gute Idee, die Tour mit wilden Mustangs zu machen?
Ben Masters:
Definitiv.

Warum ausgerechnet wilde Pferde? In der ersten Szene des Trailers zu eurem Film “Unbranded” kassiert einer deiner Mistreiter gleich einen kräftigen Huftritt – ins Gesicht.
Wir brauchten für die Reise extrem starke und mutige Pferde. Die wilden Mustangs haben sich über die vergangenen 400, 500 Jahre in der rauen Wirklichkeit des amerikanischen Westens durchgesetzt. Ja, sie haben uns auch gebissen und getreten – aber wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt.

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Ben Masters hatte die Idee für den Trip „Unbranded“. Foto: C. Richards Photography/Unbranded – The Film

Wofür hat euer Kameramann den Huftritt kassiert, der in der besagten Szene zu sehen ist?
Als wir durch die Wüste geritten sind, gab es da eine Menge Kakteen mit großen Dornen. Eines der Pferde hat versucht, sie zu essen – und hat sich einen Dorn durch die Lippe gestochen. Unser Kameramann hat versucht, den zu entfernen …

… was dem Pferd offensichtlich sehr missfallen hat.
Kann man so sagen. Es hat ihn direkt im Gesicht getroffen. Aber es geht ihm gut.

Woher kommt deine Leidenschaft für Pferde?
Ich hasse es zu laufen. (lacht) Nein, Spaß beiseite. Ich liebe es einfach, Tiere zu trainieren, mit ihnen zusammen zu lernen – über sie, über mich. Eine gute Beziehung zu einem Tier aufzubauen, gibt einem ganz viel.

Wann hast du angefangen, dich für Pferde zu interessieren?
Relativ spät: zu Colleague-Zeiten, mit 18. Ich habe nebenher für einen Pferdezüchter in den Bergen gearbeitet – ein richtiger alter Cowboy. Er hat mir viel beigebracht. Das hat mich nicht mehr losgelassen. In dieser Zeit ist auch diese irrwitzige Idee mit der Tour geboren.

Hattest du davor schon wilde Pferde trainiert?
Ich hatte zuvor vier oder fünf Jahre lang Pferde trainiert, bevor wir losgezogen sind. Aber das war auch für mich völlig neu.

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Rafting im Wildwasser neu interpretiert: Mitreiter Jonny Fitzsimons bei einer Flußdurchquerung. Foto: C. Richards Photography/Unbranded – The Film

Was war die größte Herausforderung bei der Vorbereitung der Tour?
Hier im Westen Amerikas gibt es zu viele wilde Pferde. Die Regierung umrundet die Herden mit Helikoptern, fängt die Pferde ein, kastriert und brandmarkt sie und gibt sie dann zur Adoption frei – was nur in Einzelfällen funktioniert, weil es einfach nicht genug Menschen gibt, die ein wildes Pferd adoptieren wollen. Das Ergebnis ist, dass wir in Amerika 50.000 wilde, eingefangene Pferde haben, die ein Zuhause suchen. Das ist ihr erstes Erlebnis, das sie mit Menschen verbinden. Nicht sehr nett – und der zweite Grund, warum wir uns für wilde Mustangs entschieden haben: um Aufmerksamkeit zu generieren für das Problem. Man braucht viel Zeit, um das Vertrauen dieser Pferde zu gewinnen, Ihnen zu zeigen, dass man auf derselben Seite steht wie sie, dass ihre Angst unbegründet ist. Bei manchen dauert das nur ein paar Tage, bei anderen Monate. Sie haben Angst vor Zügen, vor Kreuzungen und Bahnübergängen, vielleicht sogar vor Gattertoren – einfach, weil sie so etwas noch nie gesehen haben.

Klingt nach einem ziemlich aufwändigen Vorhaben – ein bisschen verrückt.
Ich weiß nicht. Ich habe Kletterer kennen gelernt, Biker und viele andere Adrenalin-Junkies. Aus meiner Sicht ist das, was sie machen, verrückt – aus ihrer Sicht das, was ich tue. Das ist immer eine Frage der Perspektive.

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Ein 1-PS-Mustang: Tuff ist eines der 16 wilden Pferde, die den Ritt erst ermöglichten. Foto: C. Richards Photography/Unbranded – The Film

Ist es denn eine Art Extremsport?
Nein. Beim Extremsport bist du, wenn du einen dummen Fehler machst, in den meisten Fällen der einzige, der dafür die Quittung bekommt. Aber Tiere sind von dir abhängig. Du musst ihre Gesundheit bei deinen Entscheidungen also viel mehr berücksichtigen.

Gab es gefährliche Situationen?
Ja, ein Pferd ist eine Böschung hinuntergestürzt. Wir haben uns unglaublich schuldig gefühlt, nicht genug aufgepasst zu haben. Zum Glück hat er das überlebt.

Was habt ihr nach der Reise mit den Pferden gemacht?
Ich habe sie noch immer.

EOFT Unbranded Filmplakat

Filmplakat: Unbranded

Eigentlich sind es ja wilde Tiere.
Ich lebe zeitweise in Texas, zeitweise in Montana. An beiden Orten habe ich Freunde, die Farmland besitzen, wo die Pferde herumtollen und Gras fressen können wie wilde Pferde – mit dem kleinen Unterschied, dass wir sie eben reiten können.

Habt ihr eine Neuauflage des “Unbranded”-Trips geplant?
Eine größere Tour durch die Mongolei, eventuell eine durch Afrika und Südamerika. Wir wollen weiter daran arbeiten, die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen, die Geschichte der wilden Mustangs zu erzählen.

Was hast du über deine Heimat gelernt, indem du sie zu Pferd bereist hast?
Meine Wertschätzung für Autos und Flugzeuge ist gestiegen. (lacht) Nein, mal im Ernst: Normalerweise reisen wir sehr schnell – mit dem Flugzeug, mit dem Auto, selbst Backpacken ist oft schnelles Reisen. Pferde laufen für dich, ganz langsam, und geben dir so die Möglichkeit, dir deiner Umwelt ganz in Ruhe bewusst zu werden, die wundervolle Landschaft zu genießen. Das ist eine ganz andere Perspektive ­– nicht zuletzt, weil Pferde oft größer sind als ein stehender Mensch.

 

Die Route des 3.000 Meilen Abenteuers

EOFT Unbranded Karte


Interview: Maria Menzel
Fotos:
 C. Richards Photography/Unbranded – The Film
Grafik: Eike Mitte