„Man bewegt sich als Extremsportler zwischen Superman und Kleinkind“

Er tut es schon wieder: 2015 geht Extremsportler Gerhard Gulewicz, 48, zum zehnten Mal beim härtesten Radrennen der Welt, dem „Race Accross America“ (RAAM), an den Start – 4800 Kilometer von der US-West- bis zur -Ostküste. Zielzeit: acht Tage, zwölf Stunden. Nach mehreren abgebrochenen Versuchen, zweiten und dritten Plätzen will der österrechische Radfahrer seine eigene Bestzeit von acht Tagen, 22 Stunden und 53 Minuten brechen – und das Rennen endlich gewinnen.

Warum tut der sich das an? Der ebenfalls aus Österreich stammende Filmemacher Sascha Koellnreitner hat Gerhard Gulewicz drei Jahre lang begleitet. Seine cineastische Antwort auf die Frage nach dem Warum gibt seit dem 29. Mai auch auf DVD und BluRay. Ein Gespräch über Mutti-Bikes, den inneren Schweinehund und die Frage, ob man nach neun Tagen RAAM wirklich schlimmer ausssieht als nach einem durchgefeierten Wochenende.

Gerhard, wie fährst du sonntagmorgens zum Bäcker?
Gerhard Gulewicz:
Meistens gehe ich zu Fuß, manchmal fahre ich aber auch mit dem Fahrrad.

Dein Fahrrad ist für dich also nicht nur ein Sportgerät?
Gerhard:
Ich finde Fahrradfahren einfach sehr viel vernünftiger als Autofahren – und beim Bäcker bin ich genauso schnell. Ich lege mir gerade ein City Bike zu – ein stylishes Fahrrad, ein Fun-Gerät. Vielleicht mache ich mir sogar ein Körbchen dran.

Gerhard Gulewicz auf einem Mutti-Bike? Sollte es jemals dazu kommen, hätten wir gern ein Foto.
Gerhard:
In Ordnung. (lacht)

Wie viele Fahrräder hast du?
Gerhard:
Sieben – sieben Rennräder. Mein Mountainbike habe ich abgegeben. Das ist einfach zu verlockend, weil es so großen Spaß macht – ich aber die Rennradposition trainieren muss.

Wann hast du mit dem Radsport angefangen?
Gerhard:
Vor 15 Jahren – da war ich 33.

Das ist spät.
Gerhard:
Das stimmt. Nicht zuletzt darum bin ich direkt auf die Langstrecke gegangen. Die kurzen Distanzen sind nur was für jüngere – da muss man spritziger und schneller sein. Allerdings habe ich schon immer viel Sport gemacht: Fußball, Handball, Karate, Boxen. Viele Jahre lang war Kraftsport meine Passion. Ich hatte mehrere Fitnessstudios.

Wie bist du zum Radsport gekommen?
Gerhard:
2000 durch eine Wette. Freunde haben darüber gesprochen, wie sie sich auf ein Mountainbike-Rennen vorbereiten. Ich habe mich dazugestellt und gesagt: Ist doch das einfachste von der Welt. Links treten, rechts treten, vorwärts geht’s! Tja, das musste ich dann beweisen – beim Mountainbike-Rennen in Bad Goisern. Ich habe die Wette gewonnen. Aber es war eine Qual. Das hat mir gezeigt, wie schwierig das Radsportfahren ist – aber auch, dass ich es schaffen kann.

Du nimmst dieses Jahr zum zehnten Mal in Folge am Race Across America (RAAM) teil – 4800 Kilometer von der West- an die Ostküste. Wie oft willst du noch an den Start gehen?
Gerhard:
Ich mache das so lange, wie ich Spaß daran habe – und das wird von Jahr zu Jahr mehr, weil ich immer unbeschwerter an das Rennen rangehe.

Map Race Across America RAAM

Auf der 4.800 Kilometer langen Strecke gehen die Radfahrer beim „Race Across America“ bis ans Limit. Regenerationsphasen? (Fast) Keine!

Wie bereitest du dich auf das RAAM vor?
Gerhard:
Für das Rennen im Juli beginne ich im August des Vorjahres mit der Vorbereitung – am Anfang hauptsächlich Grundlagentraining. Im Winter gehe ich Skitouren, im Frühjahr geht es dann ins Trainingslager.

Du fährst das RAAM in Begleitung eines neunköpfigen Teams – aber als Alleinkämpfer. Was ist deine Taktik?
Gerhard:
Ganz einfach: Ich fahre immer so schnell, wie es in jedem einzelnen Moment möglich ist. Viel mehr Taktik gibt es beim RAAM nicht.

Fühlst du dich auf der Strecke manchmal einsam?
Gerhard:
In den ersten Jahren hatte ich sehr mit der Dimension des Landes zu kämpfen. Zuhause in Österreich gibt es viele Kurven auf den Strecken, die längste Gerade ist vielleicht einen Kilometer lang. Und dann musst du in Amerika hunderte Kilometer ohne Berg, ohne Hügel, ohne Kurven fahren.

Was passiert da im Kopf?
Gerhard:
Viel. Man bewegt sich mental zwischen Superman und schutzbedürftigem Kleinkind. Das wichtigste ist, nie stehen zu bleiben. Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung. Man kann natürlich eine Stunde Pause machen und hoffen, hinterher wieder schneller zu fahren – aber das ist mathematisch gar nicht möglich. Darum muss man weiterfahren – und sei es nur ganz langsam. Das ist wichtig für den Kopf – vor allem in den Tiefphasen.

Man sieht dich im Film „Attention – A Life in Extremes“ in einer Pause in einem quasi-embryonalen Zustand, wie du auf dem Boden liegst und gefüttert wirst. Und wenige Minuten später steigst du wieder aufs Rad und fährst die nächsten 800, 1000 Kilometer. Wie geht das?
Gerhard:
An diese 800 oder 1000 Kilometer solltest du nicht denken. Wichtig ist, das große Ziel auf kleine Etappen herunterzubrechen.

Sascha, was hat dich an dem Thema Extremsport fasziniert?
Sascha Koellnreitner:
In erster Linie das Spiegelbild der Gesellschaft: intrinsische Motive, die uns im Leben voranbringen, Risiken abzuwägen, sich Ziele zu setzen. Anhand des Extremsports lassen sich diese Fragen sehr gut erörtern. Auch wenn es toll ist, mit Extremsportlern zu drehen, weil immer was los ist, war die Action eigentlich nur die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Im Fundament des Films geht es um die Frage nach dem Warum.

Sascha Koellnreitner

Drei Jahre lang hat Sascha Koellnreitner an seinem Film „Attention – A Life in Extremes“ gearbeitet. Foto: Wolfgang Zac

Wie erklärst du dir das stetig steigende Interesse am Extremen?
Sascha:
Extremsportler stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die viele für sich verwirklichen möchten: in unserer überreglementierten Gesellschaft wieder ein bisschen selbstbestimmter zu sein – und sei es nur in der Freizeit.

Apnoetauchen, Wingsuit-Fliegen und Extremradfahren sind extreme Formen, sich die Freiheit zu nehmen – nicht gerade Breitensportarten.
Sascha:
Ich habe den Extremsport im Film bewusst weder äußerst positiv noch äußerst kritisch dargestellt. Das heißt nicht, dass ich keine Meinung dazu habe, aber mir war es wichtig, das aus einer gesunden Distanz zu betrachten – eben weil es so faszinierend ist. Es ist großartig, dass diese Menschen ihrer Leidenschaft nachgehen und davon sogar leben können. Gleichzeitig spürt man schon den Zwang, immer einen Schritt weiter zu gehen, ein Stückchen tiefer zu tauchen, ein Stück näher an der Wand entlangzufliegen.

Sind Extremsportler Helden, bessere Menschen?
Gerhard:
Bessere Menschen auf keinen Fall. Helden nur bedingt. Wir alle haben ein riesiges Potenzial, das wir nicht ausnutzen – weder physisch noch mental. Bestimmte Fähigkeiten und Instinkte sind in der jüngeren Evolution verkümmert, weil wir sie nicht mehr brauchen. Als Extremsportler nutzen wir zumindest einen Teil dieser Fähigkeiten wieder. Es geht sicherlich auch darum, zu zeigen, zu was wir Menschen fähig sind, wenn wir wollen.

Geht das bis zur Nahtoderfahrung?
Gerhard:
Nein. Aber es geht natürlich darum, Grenzen auszutesten – und manchmal auch zu überschreiten.

Sascha: Ich glaube, die wenigsten Extremsportler suchen die Todesnähe. Das interpretieren wir als Zuschauer nur hinein. Das spannende am Extremsport ist, dass das Wort Extremsport nur ganz selten fällt in der Szenerie. Der Weg zum Extremsportler ist ein langer Prozess. Wir nehmen nur den Erfolg am Ende wahr – ohne die lange Entwicklung zu berücksichtigen.

Du musstest das RAAM mehrere Male abbrechen – wegen Erschöpfung, wegen einer Lebensmittelvergiftung, einer Lungenentzündung. Wie gehst du mit Rückschlägen um?
Gerhard:
Ich sehe das eigentlich als Chance. Walt Disney musste bei mehr als 100 Banken vorstellig werden, bis er das Geld für sein Vorhaben bekommen hat. Er hat nach dem dritten Fehlversuch nicht das Handtuch geschmissen, sondern weitergemacht, hat an sich selbst geglaubt. In diesem Sinne möchte ich ein gutes Beispiel sein.

Gesund ist das allerdings nicht – das sieht man dir im Film an.
Gerhard:
Natürlich. Der Körper sagt: Bist du wahnsinnig. Das ist ein Schutzmechanismus. Aber jeder der mal ein Wochenende durchgemacht und dann in den Spiegel geschaut hat, sieht nicht besser aus. (lacht)

Wann schläfst du während des Rennens?
Gerhard:
Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Früher ist man 35, 40 Stunden durchgefahren, hat dann eine Stunde Schlafpause gemacht, dann 24 Stunden Fahren, eine Stunde Pause, 30 Stunden fahren, Pause. Heute macht man schon während der ersten 24 Stunden zwei 15-Minuten-Pausen. Das wiederholt man bis zur Mitte des Rennens, dann erst kommt eine längere Pause, dann wieder eine kürzere. Insgesamt schläft man während des Rennens weniger als sechs Stunden.

Race Across America Gerhard Gulewicz

Gerhard Gulewicz (r.) und Sascha Koellnreitner mit ANAMEA-Redakteurin Maria Menzel in Berlin

Wie erholsam können 15 Minuten Schlaf sein?
Gerhard:
Diese Powernaps dienen nur dazu, das Gehirn wieder zu regenerieren – das ist lebensnotwenig. Körperlich kann man während des Rennens sowieso nicht regenerieren. Darum ist man auch zu kurzen Schlafpausen übergegangen, weil man so gar nicht erst in eine Entspannungsphase kommt und den Rhythmus schneller wiederfindet.

Trainierst du den Umgang mit dem Schlafentzug vor dem Rennen?
Gerhard:
Im Gegenteil: Ich schlafe extrem viel. Auf den Schlafentzug bereite ich mich mental vor. Ab Tag X ist es dann eben so. Fertig.

Was ist dein Ziel für 2015?
Gerhard:
Das Ziel zu sehen – egal wie. Das habe ich jetzt zwei Jahre hintereinander nicht geschafft. Darüber hinaus möchte ich meine persönliche Bestzeit von acht Tagen, 22 Stunden und 53 Minuten unterbieten. Mit acht Tagen und zwölf Stunden wären ein Podiumsplatz realistisch.

Du fährst das Rennen 2015 Jahr zum zehnten Mal mit – hast es aber noch nie gewonnen. Willst du so lange weitermachen, bis du auf dem Treppchen stehst?
Gerhard:
Ursprünglich war das mein einziger Beweggrund. Und es ist nach wie vor mein großes Ziel – aber nicht mehr das einzige. Ich gehe das nicht mehr so verbissen an – wenngleich professionell. Aber verkrampft zu sein ist nicht gut.

Würdest du es bereuen, dieses Rennen nie gewonnen zu haben, sollte es so sein?
Gerhard:
Mittlerweile nicht mehr. Aber ich würde es bereuen, jetzt aufgehört, es nicht versucht zu haben.

Das Plakat der Dokumentation "Attention a Life in Extremes"

„Attention – A Life in Extremes“ gibt es seit dem 29. Mai auch auf DVD und BluRay

Was treibt dich an?
Gerhard:
Wir bestreiten unser Leben in der Regel fremdmotiviert – von den Eltern, vom Chef. Eigenmotivation aufzubringen, um Dinge zu erreichen, die man sich vorgenommen hat, scheitern oft an dieser Gewohnheit. Der Apnoetaucher Guillaume Néry braucht Eigenmotivation fürs Abtauchen, danach spielt das keine Rolle mehr – wenn er einmal in hundert Metern Tiefe ist, ist der Drang zu überleben seine Motivation, wieder aufzutauchen. Der Wingsuit-Flieger Halvor Angvik braucht Eigenmotivation für den Sprung von der Klippe – alles was danach kommt, ist Konzentration und Routine. Beim Radfahren ist das ein bisschen anders. Wenn die Eigenmotivation an irgendeinem Punkt wegfällt, bleibe ich stehen. Aus. Ich muss in jedem einzelnen Moment eigenmotiviert sein. Darum ist das Extremradfahren für mich eine sehr gute Möglichkeit den Menschen zu zeigen: Wenn man etwas wirklich will, kann man es erreichen. Fremdmotivation kann dabei natürlich helfen.

Spielt Angst für dich eine Rolle?
Gerhard:
Das blende ich bewusst aus. Für manche ist Angst eine Triebfeder, mich behindert sie nur.

Sascha: Wir haben die Sportler drei Jahre lang begleitet und gesehen, wie sich die Motive verändert haben. Angvik springt immer seltener, weil er das Schneller, Höher, Weiter nicht mehr unterstützen möchte – und auch keine Befriedigung mehr daraus zieht. Néry geht immer mehr weg vom Wettkampf, weil er mittlerweile auch ohne Rekorde zu brechen Aufmerksamkeit generiert – allein durch die Schönheit und mediale Verwertbarkeit seines Sports. Dass alle drei Extremsportler sehr viel über sich, ihren Sport und das Leben nachdenken, hat das Fundament des Films sehr stark gemacht.

Kommst du denn ganz ohne Fremdmotivation aus, Gerhard?
Gerhard:
Nein. Ich muss während des Rennens täglich 12.000 bis 15.000 Kalorien und zwischen 12 und 24 Liter Wasser zu mir nehmen. Die Kunst ist es, konstant zu essen und zu trinken. Man selbst will das ab dem zweiten Wettkampftag einfach nicht mehr. Da zum Beispiel brauche ich mein Team. Da ist Fremdmotivation für mich äußerst wichtig.

 von Maria Menzel, Eike Mitte & Don Jenson

 

Seit dem 29. Mai auch auf DVD und BluRay: „Attention – A Life in Extremes“