„Dass es ein neuer Rekord war, ist für mich gar nicht so wichtig“

Seine Leistungsfähigkeit und alpinistische Vielfalt zeichnen „The Swiss Machine“ aus – Ueli Steck. Er ist einer der besten Extrembergsteiger und Speedkletterer der heutigen Zeit, verbucht zahlreiche Erfolge an den höchsten Bergen der Welt und Speedrekorde an den legendären Nordwänden der Alpen. Ein Gespräch über die Entwicklung des Alpinismus, Bauchgefühl und die Effizienz des Speedkletterns.

Maria Menzel und Michael Adomeit im Gespräch mit Extrembergsteiger Ueli Steck (m.) bei der Auftaktveranstaltung zur NATIONAL GEOGRAPHIC Vortragsreihe Speed 2.0

Maria Menzel und Michael Adomeit im Gespräch mit Extrembergsteiger Ueli Steck (m.) bei der Auftaktveranstaltung zur NATIONAL GEOGRAPHIC Vortragsreihe Speed 2.0 in Berlin

Ueli, du hast nach deinem neuen Rekord an der Eiger-Nordwand im November 2015 gesagt, dass es möglich sei, die Wand in weniger als zwei Stunden zu besteigen. Ein neues Ziel für dich?
Ueli Steck:
Klar hat man das im Hinterkopf, aber es muss Vieles passen, damit das möglich ist. Das Bergsteigen ist heutzutage immer noch auf einem bescheidenen Niveau. Im Himalaya beispielsweise wird noch wie vor 30 Jahren zu Reinhold Messners Zeiten geklettert – das ist State-of-the-art im Moment. Mittlerweile haben wir aber ganz andere Möglichkeiten, deshalb bin ich überzeugt, dass man die Eiger Nordwand in unter zwei Stunden bezwingen kann. Ob ich es machen werde, hängt von vielen Faktoren ab. Auch ich werde älter und kann nicht immer noch schneller und weiter, das muss ich akzeptieren. Aber wie heißt es so schön: „Sag niemals nie!“

Reinhold Messner war zu seiner Zeit der Maßstab des Bergsteigens. Er hat die Eiger-Nordwand damals in zehn Stunden bestiegen. Du hast den Alpinismus mit dem Speedklettern nun auf ein neues Level gehoben. Kann man sagen, wer der bessere Bergsteiger ist?
Nein, das kann man nicht sagen, den besten Bergsteiger gibt es nicht. Man kann Bergsteigen nicht vergleichen. Reinhold Messner hatte noch ganz andere Voraussetzungen – beispielsweise hatte vor ihm noch niemand alle 14 Achttausender bestiegen. Jetzt muss man ein bisschen kreativer sein, um neue Herausforderungen zu finden. Meiner Meinung nach, lassen sich Zeiten und Rekorde nicht vergleichen.

Aber es ist ein Thema für dich – du stellst Rekorde auf.
Richtig, aber was für mich zählt, ist sich weiterzuentwickeln. Im Vergleich zu den beiden ersten Rekorden hatte ich diesmal einen wesentlich geringeren Puls – nur noch durchschnittlich 165 Schläge pro Minute. Und ich bin mit einer neuen Art von Schuhen geklettert – mit integrierten Steigeisen. Das ist Fortschritt. Dass ich zwei Stunden, 22 Minuten und 50 Sekunden gebraucht habe, ist mir weniger wichtig.

Ueli Steck am Teufelsgrat, Mont-Blanc-Massif, Foto: Ueli Steck GmbH

Ueli Steck am Teufelsgrat, Mont-Blanc-Massif, Foto: Ueli Steck GmbH

Wenn man die Entwicklung des Bergsteigens von den Anfängen bis zum Speedklettern betrachtet: Was ist die nächste Stufe des Alpinismus?
Das reine Speedklettern ist eine Spielform des Bergsteigens. Ich glaube nicht, dass sie eine große Relevanz hat. Aber das Umdenken, eine große Wand effizient und in kurzer Zeit zu klettern, ist schon sehr wichtig. Für mich hat sich dadurch viel verändert. Am Shisha Pangma (8.027 Meter) gab es für die Besteigung durch die Südwand ein Wetterfenster von zwei Tagen. Ich dachte: 2.000 Höhenmeter in zwei Tagen, das ist machbar – und es hat funktioniert. Wenn man dort von einem Minimum von drei bis vier Tagen bis zum Gipfel ausgeht, dann geht man nicht los. Du kannst dich nicht endlos in großer Höhe aufhalten, außerdem gibt es selten Gutwetterfenster von einer Woche. Als Bergsteiger habe ich also durch diese Effizienz viel mehr Möglichkeiten an den Achttausendern, denn wirklich technisch schwierige Routen gibt es dort nicht.

Speedkletterer und Bergläufer suggerieren eine gewisse Einfachheit und Leichtigkeit, mit der es möglich ist, selbst schwierigste Routen in Rekordzeit zu überwinden. Werden dadurch Amateure zur Nachahmung motiviert?
Diesen Effekt gibt es immer – wie stark er ist, lässt sich nicht beeinflussen. Am Ende zählt die Eigenverantwortung – jeder kann machen was er will. Man muss sich selbst einschätzen können und die richtigen Entscheidungen treffen.

Ueli Steck am Teufelsgrat, Mont-Blanc-Massif, Foto: Ueli Steck GmbH

Ueli Steck am Teufelsgrat, Mont-Blanc-Massif, Foto: Ueli Steck GmbH

Du hast in deinem Buch geschrieben, dass du die Dinge gern unter Kontrolle hast. Einzelne Kletterzüge oder schwierige Passagen hast du intensiv vorbereitet. Gab es Momente am Berg, in denen du nicht alles unter Kontrolle hattest?
An der Annapurna wurde ich von einer Lawine getroffen – das hatte ich natürlich nicht unter Kontrolle. Aber es ist gut ausgegangen. Meistens geht es aber recht kontrolliert zu (lacht). Ich klettere seit fast 27 Jahren. Es gibt selten Situationen, die mich total überraschen. Dank meiner Erfahrung kann ich mir vorstellen, was passieren kann. Dafür mache ich dann im Kopf einen Plan. Dass eine Situation außer Kontrolle gerät, ist eher unwahrscheinlich.

Spielt Angst bei dir überhaupt noch eine Rolle?
Angst ist sehr, sehr wichtig. Wenn du keine Angst mehr hast, dann gehst du zu weit, dann stirbst du. Wenn beim Bergsteigen Angst aufkommt, dann ist das ein Zeichen für Selbstüberschätzung und Überforderung. Du bist dann in einer Situation, die du nicht kennst. Wenn du allerdings gut vorbereitet ist, dann hast du Lösungen und Ideen, dann hast du keine Angst. Ich habe beim Bergsteigen eigentlich nie Angst.

Welche Rolle spielt dein Bauchgefühl dabei? Wie stark verlässt du dich darauf?
Sehr stark. Ich glaube, das Bauchgefühl ist etwas sehr Wichtiges, ich vertraue darauf. Da darf man sich auch nicht von seiner Umwelt beeinflussen lassen. Ich entscheide immer für mich selbst. Alles andere ist gefährlich, davor muss man sich schützen. Vor allem, wenn man nicht allein unterwegs ist tut man vielleicht Dinge, die man sonst nicht tun würde – zum Beispiel wenn ich bei meinen Touren von Kamerateams begleitet werde. Man ist dann einfach nicht so konzentriert, weil da noch andere Menschen sind und ein gewisser Druck entsteht. Dann wird es gefährlich.

Als Profibergsteiger lebst du von Sponsoren und der Berichterstattung über deine Abenteuer. Inwieweit beeinflusst das deine Arbeit, deine Entscheidungen?
Im Gegensatz zu den jungen Bergsteigern, die sich noch keinen Namen gemacht haben, bin ich in einer sehr komfortablen Lage: Ich kann mir die Aufträge aussuchen. Ich mache nie etwas für einen Sponsor, was ich nicht selbst machen möchte. Das habe ich mir in meiner Karriere erarbeitet und die Resultate haben immer gestimmt. Ich weiß nicht, ob ein junger Bergsteiger diese Freiheit noch hat.

Es gab also auch Aufträge, die du abgelehnt hast?
Ich lehne die Aufträge ab, bei denen ich nicht mehr selbst entscheiden kann – das waren mitunter auch schon sehr attraktive Sponsoring-Verträge. Bei Aufträgen entsteht immer ein gewisser Druck, einen Film abzuliefern, Facebook-Einträge zu veröffentlichen und so weiter – alles andere ist eigentlich egal. Die Firmen pushen sehr stark in diese Richtung. Das ist eine gefährliche Entwicklung, mit der sich die heutige Generation von Bergsteigern auseinandersetzen muss. Ich finde, dass das schlecht für den Sport ist, weil dann Unfälle passieren. Als ich anfing war das noch nicht so; und heute bin ich eigentlich fast zu alt dafür – und auch froh darüber.

Wie geht deine Familie mit der Gefahr um, die das Bergsteigen mit sich bringt?
Für mein Umfeld ist es nicht leicht, aber sie haben sehr viel Vertrauen in meine Person, dass ich nicht zu weit gehe. Ich handele immer nach bestem Wissen und Gewissen. Unfälle passieren ja auch nicht einfach so. Aber klar: Jeder kann Fehler machen – auch ich. Manchmal braucht es auch schon einige Abende, um ein Vorhaben mit meiner Frau zu diskutieren.

Eiger Nordwand, Foto: Ueli Steck GmbH

Eiger Nordwand, Foto: Ueli Steck GmbH

Wurdest du schon mal gebeten nicht zu gehen? Und bist du dann nicht gegangen?
Es gab schon Situationen, in denen meine Frau das Gefühl hatte, es sei nicht so eine gute Idee. Am Schluss muss ich aber selbst entscheiden – es ist wie ein innerer Antrieb. Den kann ich nicht unterbinden. Ich kann Kompromisse eingehen, wenn ich allerdings davon überzeugt bin, dass etwas funktioniert, muss ich egoistisch sein. Um in diesem Sport erfolgreich zu sein, muss man das auch. Einmal wollte ich eine Tour an der Grandes Jorasses machen, direkt vom Tal mit Überquerung des Gletschers. Da hat meine Frau gesagt, es sei saugefährlich, alleine über den Gletscher zu gehen – da hatte sie schlichtweg Recht: Es ist saugefährlich. Ich hab dann stattdessen eine Tour über den Grat gemacht, das war viel besser kalkulierbar. Es ist also gut, wenn du ein Umfeld hast, dass dich ein bisschen bremst und auf den Boden der Realität zurückholt, sonst gehst du zu weit.

Was macht der private Ueli Steck, wenn er mal nicht klettert?
Eigentlich gehen wir immer klettern. (lacht) Bergsteigen und Klettern, das ist mein Leben. Auch mit meiner Frau gehe ich lieber Sportklettern als in den Urlaub zu fahren. Oder wir machen eine gemeinsame Tour durch die Eiger-Nordwand, das war ein tolles Erlebnis.

Im November bist du mit Kilian Jornet, dem Bergläufer, durch die Eiger-Nordwand geklettert.
Wir kennen uns schon lange und verstehen uns gut. Zuletzt haben wir uns in Nepal getroffen und ein paar Sachen gemeinsam gemacht. Für mich ist es sehr spannend, seine außergewöhnliche Ausdauerleistung zu sehen. Von ihm kann ich viel lernen. Auf der anderen Seite kann er sehr viel von mir in Sachen Bergsteigen lernen – eine interessante Kombination. Wir sind von Grindelwald bis zum Wandfuss hochgejoggt, er hat dabei die ganze Zeit gesprochen. Ich musste ganz schön schnaufen. Als wir mit dem Klettern begannen, war es dann umgekehrt. (lacht) Für mich war es eine neue Erfahrung, ganz unten im Tal zu starten und erst mal zum Einstieg in die Wand zu joggen. Seine Einstellung fasziniert mich, er ist ein inspirierender Mensch, weil er sein Ding macht und dabei Spaß hat.

Ueli Steck auf dem Gipfel des Mount Everest (8.848 m), Foto: Ueli Steck GmbH

Ueli Steck auf dem Gipfel des Mount Everest (8.848 m), Foto: Ueli Steck GmbH

Du hast Nepal angesprochen. Im Jahr 2013 gab es dort eine Auseinandersetzung zwischen Deiner Expedition und den Sherpas. Nach diesen Geschehnissen: Ist eine schnelle Begehung des Mount Everest noch ein Thema für Dich?
Ich habe das Projekt noch nicht abgeschlossen. Aber erstmal muss es dort wieder etwas ruhiger werden. 2013 war nicht schön, aber es war die Realität. Leider waren wir da zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich glaube, da ist zu viel Geld involviert und der Konkurrenzkampf zwischen den Sherpas ist sehr groß. Jeder möchte gutes Geld verdienen und durch die vielen westlichen Anbieter herrscht eine große Spannung am Everest.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf weitere spannende Abenteuer und Berichte von dir.
Ich gebe mein Bestes. (lacht)

 


Ueli Steck – Wichtigste Besteigungen

  • 2015 Speed-Rekord Eiger-Nordwand – zwei Stunden und 22 Minuten
  • 2015 Alpentraverse – 82 Summits in 80 Tagen
  • 2014 Auszeichnung „Piolet d‘Or“
  • 2013 Annapurna (8.091 m)
  • 2012 Mount Everest (8.848 m)
  • 2011 Cho Oyu (8.201 m)
  • 2011 Shisha Pangma Südwand (8.013 m)
  • 2010 Free Rider El Capitain/USA
  • 2009 Expedition zum Makalu/Nepal
  • 2009 Gasherbrum II (8.035 m)
  • 2009 „Golden Gate“-Route am El Capitan/USA
  • 2009 Auszeichnung „Piolet d’Or“
  • 2009 Speed-Rekord Matterhorn – eine Stunde und 56 Minuten
  • 2008 Speed-Rekord Grandes Jorasses – zwei Stunden und 21 Minuten
  • 2008 Neuer Eiger Speed-Rekord – zwei Stunden und 47 Minuten
  • 2007 Eiger Speed-Begehung – drei Stunden und 54 Minuten
  • 2005 Solobesteigungen der Nordwand des Cholatse (6.440 m) und der Ostwand des Tawoche (6.505 m)

Quelle: www.uelisteck.ch