Abenteuer Mont Blanc

Im August diesen Jahres häufen sich die Meldungen über Unglücke im Mont Blanc Massiv. Zum Teil erfahrene Bergführer aber auch Familien, die ihre Kinder zu den jüngsten Bezwingern des höchsten Gipfels der Alpen machen wollen, geraten in lebensbedrohliche Schwierigkeiten. Die Zahl der Toten am Berg beläuft sich jährlich auf knapp 40 Menschen. Dennoch zieht der Mont Blanc Bergsteiger, Sportler und Touristen aus aller Welt magisch an.

Wir haben uns knapp neun Monate intensiv auf die Besteigung des höchsten Berges der Alpen vorbereitet. Für den Aufstieg wählen wir die leichteste Route, den Normalweg (Gôuter Route). Eine Herausforderung, ein Abenteuer und in jedem Fall ein nicht zu unterschätzendes Vorhaben.

 

Aufbruch in Saint-Gervais-les-Bains

Nach unserer Anreise zum Mont Blanc Massiv befinden wir uns an der Station der Tramway du Mont Blanc, der „schönsten Zahnradbahn“ Frankreichs. Wir stehen am Gleis vor der Übersichtskarte des Mont Blanc Gebiets, neben uns die Rucksäcke mit unserer Kletterausrüstung und den Zelten. Mit den Augen verfolge ich auf der Karte den Weg bis zum Gipfel auf 4.810m. Wie hoch werden wir kommen? Werden es alle schaffen? Wird das Wetter halten?

Die Erde fängt an leicht zu beben. Kurz darauf biegt die Tramway laut stampfend um die Kurve und kommt vor uns zum Stehen. „Bon jour“ ruft der Schaffner. Wir steigen ein und nehmen auf den Holzbänken platz. Neben unserer Gruppe sind keine weiteren Bergsteiger in der Bahn. Wahrscheinlich weil es um 16:40 Uhr die letzte Bahn des Tages ist.

Während die Landschaft an den Fenstern vorbei zieht und die Tramway schaukelnd an Höhe gewinnt, denke ich an die Monate der Vorbereitung. Jetzt wird sich zeigen, wie effektiv das Training wirklich war. Wir haben alles getan, um uns optimal für die Besteigung vorzubereiten. Hoffentlich spielt auch das Wetter mit. In den Tagen vor der Anreise nach Saint-Gervais-les-Bains deutete sich an, dass wir nur ein kurzes Zeitfenster von zwei Tagen für den Aufstieg haben sollten.

Ein kurzer Stopp in Bellevue (1.800m) und nach knapp einer Stunde Fahrtzeit entlang des Bionnassay-Gletschers erreichen wir Nid d’Aigle, das „Adlernest“ auf 2.362m, dem Ausgangspunkt unserer Mont Blanc Tour.

 

Nid d’Aigle – Bergstation im Nebel

Als wir an der Bergstation aussteigen hat es sich soweit zugezogen. Wir befinden uns mitten in den Wolken, es ist kühl und eine leichte Brise weht. Wetterfest eingepackt beginnen wir den Aufstieg. Langsam und stetig, Höhenmeter um Höhenmeter. Es beginnt zu nieseln, was sich alsbald in leichten Graupel umwandelt. Genau mein Wetter! Viel zu warm für die Regenjacke und viel zu nass ohne Regenjacke. Wenigstens ist der Weg gut zu erkennen, denke ich. Von Zeit zu Zeit drehe ich mich um und sehe meine fünf Mitstreiter schweigend hinter mir aufsteigen. Jeder ist damit beschäftigt seinen Rythmus aus gehen und atmen zu finden.

Ab und zu kommen uns Bergsteiger entgegen. Ein kurz angebundenes „Bon Jour“ und sie verschwinden im Nebel. Der Weg wird nun steiler und führt über einen blockigen Grat aufwärts. Ich bleibe kurz stehen. Es sieht mystisch aus wie die Wolkenfetzen über Landschaft ziehen. Nach ein paar Fotos nehme ich die Verfolgung auf.

Plötzlich taucht der Ausläufer des Tête Rousse Gletschers vor uns auf und kurze Zeit später erreichen wir das Refuge de la Tête Rousse (3.167m).

 

Im Basislager am Refuge de la Tête Rousse

Bei der Suche nach einem geeigneten Platz für unsere Zelte, höre ich ein Donnern. Am Bionnassay-Gletscher ist eine Lawine abgegangen und rollt talwärts. Sehr beeindruckend! Gleichzeitig aber auch eine Warnung, dass wir uns in einer Welt der alpinen Gefahren befinden. Gute 100 Meter vom Refuge de la Tête Rousse entfernt stellen wir unsere Zelte im Schnee auf. Knapp 15 andere Zelte stehen um uns herum, zum Teil hinter kleinen Steinmauern. Es ist bereits 21:00 Uhr. Die anderen Bergsteiger sind um diese Uhrzeit schon im Zelt und ruhen.

Das Refuge de la Tête Rousse ist eine der vielen Berghütten rund um die Aufstiegsrouten auf den Mont Blanc. Sie liegt auf der Gôuter Route, dem meistbegangenen und vermeindlich einfachsten Weg auf dem Gipfel. Eine einfache Hütte mit Schlafsälen, einem Restaurant und sanitären Anlagen.

Als die Wolken kurz aufreissen wird der Blick auf die Wand frei. Mein erster Gedanke „Wie sollen wir da hochkommen? Und das auch noch im Dunkeln?“. Kurzzeitig kann man sogar das 700m höher gelegene Refuge du Goûter (3.835m) sehen.

 

Aufbruch in der Nacht

Geschlafen haben wir in den drei Stunden nicht wirklich. Die Temperaturen sind weit unter null Grad gefallen. Sogar unser Wasser ist im Zelt eingefroren. Es ist 1:00 Uhr als wir aus den Schlafsäcken kriechen. Rund um uns herum raschelt es in und vor den Zelten. Auch wir machen uns fertig. Rucksäcke packen, Steigeisen anlegen, Seil vorbereiten, … im Licht der Kopflampen geht es los in Richtung Grand Couloir (3.340m), dem „Todeskorridor“. Weit oben in der Wand sieht man die Lichter vorausgehender Seilschaften. Es ist eine sternenklare Nacht.

Das Grand Couloir, eine mit Eis und Schnee gefüllte Rinne, ist die erste Schlüsselstelle und Ort vieler Tragödien am Mont Blanc. Die „Rinne“ ist berüchtigt für Lawinen und Steinschläge, die Hauptursache von Unfällen. Wir haben Glück, keine Steine kommen von oben. In der Kälte ist alles noch schön festgefroren. Nachdem das Grand Couloir hinter uns gelassen haben, werden wir von einigen anderen Seilschaften überholt. Meist sind es Bergführer, die zwei oder drei Kunden am Seil nach oben „ziehen“. Am oberen Ende der Wand ist der Weg mit Drahtseilen und Eisenstiften abgesichert und der Aufstieg wird so erleichtert. Ich schaue nach Links und Rechts, der Schein meiner Kopflampe geht ins Leere – unheimlich!

 

Sonnenaufgang am Refuge du Goûter

Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir das Ende der Wand. Am ehemaligen Refuge du Goûter (3.835m) betreten wir die Welt aus ewigem Eis. Rechts von uns befindet sich das neue Refuge du Goûter. Wie ein gelandetes Raumschiff steht es da, am Rand des Abgrundes. Der Schnee knarzt unter unseren Steigeisen. Wir betreten die Hütte über einen Vorraum, wo man die Ausrüstung lassen kann, bevor man ins innere der Hütte geht. Das Refuge wurde im Juni 2013 fertiggestellt und ist mit 120 Betten und einem Restaurant ausgestattet. Während unserer Rast lässt uns die Hütte leicht vergessen, wo wir uns eigentlich befinden.

Für den Aufstieg haben wir viel zu lange gebraucht. An den Mont Blanc Gipfel denke ich nicht mehr. Laut Bergwetterbericht soll ab 10 Uhr starker Wind oberhalb von 4.500m aufkommen und es ist bereits 7:30 Uhr. Die letzten 1.000 Höhenmeter sind in dieser Zeit für uns nicht zu schaffen. Aber wir wollen wenigstens den Dôme du Goûter (4.304m) erreichen und machen uns nach der Pause auf den Weg. Es ist keine Wolke am Himmel und der Wind hat sich gelegt.

Kurz vor dem Dôme du Goûter ist es windstill. Der Wetterbericht hat sich nicht bewahrheitet, es sieht gut aus. Als wir den Dôme du Goûter überschreiten wird der Blick auf den Mont Blanc Gipfel frei. Ein krasser Anblick! Nur noch 500 Höhenmeter bis auf das „Dach Europas“, wir bewerten die objektiven Gefahren wie die Beschaffenheit der Route, das Wetter sowie unsere körperliche Verfassung und treffen die Entscheidung den Gipfel zu versuchen.

 

Gipfelsturm auf den Mont Blanc

Am Refuge-Bivouac Vallot auf 4.362m machen wir eine kurze Rast. Uns steht noch Les Bosses (Grande 4.513m, Petit 4.547m) bevor, der schmale Bossesgrat. Der Wind hat etwas aufgefrischt, aber stellt noch kein Problem dar. In der Ferne sehen wir noch zwei andere Seilschaften, ansonsten ist es menschenleer.

Nach 12 Stunden Aufstieg erreichen wir um 13:17 Uhr den Gipfel des Mont Blanc auf 4.810m.

 

 

Video: Auf dem Dome du Gouter

 

Den 4304 Meter hohen Dome du Gouter im Mont-Blanc-Massiv passiert man beim Aufstieg zum Mont Blanc über die Normalroute. Der Gipfel liegt auf französischem Boden und ist nur 200 Meter von der Grenze…