Die Dômes de Miage Überschreitung

Ausgangspunkt der Tour zu den Dômes de Miage ist der kleine Ort Les Contamines-Montjoie auf 1.180m im Val Montjoie. Das Städtchen liegt knapp anderthalb Stunden von Genf entfernt im Süden des Mont-Blanc-Massivs. Während im nahgelegenen Saint Gervais Bergsportler mit der Tramway du Mont-Blanc Ihre Tour auf den Mont Blanc Gipfel beginnen, dient Les Contamines als Ausgangspunkt für Touren auf die südlichen Gipfel. Dazu zählen der Dôme de Miage, der Aiguille de la Bérangère, der Aiguille de Bionnassay oder der Mont Tondu.

Früh morgens starten wir, fünf bergbegeisterte Freunde, in Les Contamines. Die erste Station unserer Tour ist die Berghütte Tré la Tête auf 1.970m. Es sind knapp 800 Höhenmeter, die wir trotz unseres schweren Gepäcks in 2 Stunden schaffen. Weit unten im Tal erreichen uns die wärmenden Strahlen der Sonne noch nicht und wir wandern durch die kühle, feuchte Morgenluft stets bergauf. Bei der Hütte angekommen begrüßt uns ein großgewachsener Esel mit einem lauten „iiihah-iihhh-ahhh“. Es sind bereits andere Wanderer, Bergsteiger und Trailrunner dort und machen Rast. Auch wir machen kurz Pause und gönnen uns zur Stärkung ein zweites Frühstück bestehend aus Riegeln, Nüssen und Würstchen.

Die Übernachtung im Refuge des Conscrits auf 2.602m ziehen wir diesmal einer eisigen Zeltnacht vor, zumal wir uns so auch einiges an Gewicht einsparen können. Bereits Ende August sind die Nächte auf dieser Höhe schon angenehm frisch. Bis zu der Hütte, dem Abendessen und dem Matratzenlager liegt aber noch einiges an Wegstrecke vor uns. „Nur für Bergsteiger mit ensprechender Erfahrung und Ausrüstung“ zeigt ein Schild, kurz nachdem die Hütte Tré la Tête hinter der ersten Kurve verschwunden ist. Ein grinsender Blick auf die Rucksäcke, vollgepackt mit Kletter- und Eisausrüstung, und schon gehts weiter. Die Vorfreude auf das, was da noch kommen mag, steigt nun deutlich an.

Von der Hütte Tré la Tête zum Refuge des Conscrits gibt es zwei unterschiedliche Routen – eine führt direkt über die Moräne des Glacier de Tré la Tête und eine, die oberhalb des Gletschers am Hang entlang führt. Wir entscheiden uns für die hochgelegene Variante und werden durch einen interessanten und mit dicken Fixseilen abgesicherten Weg, einer Hängebrücke sowie einer Schar an Murmeltieren und Gemsen belohnt. Schon aus der Ferne hört man die Lauten Pfiffe der Murmeltiere, mit denen sie ihre Artgenossen vor Gefahren warnen. Der Weg stellt soweit kein Problem dar und wir erreichen am frühen Nachmittag unser Tagesziel – das Refuge des Conscrits.

„For Domes de Miage breakfast will be at 4 o’clock!“ verkündet uns die Hüttenwärtin. Okay, ganz so früh wollten wir eigentlich nicht aus den Federn … später sollte sich noch herausstellen, das es keineswegs zu früh war. Wir beugen uns der Ansage und nutzen die Gunst der Stunde für einen Mittagsschlaf im noch leeren Schlafsaal mit der Nummer 10. Draußen hat es angefangen zu schneien, während wir zum Abendessen ein reichhaltiges 3-Gänge Menu verspeisen. Mit der Hoffnung, dass sich der gute Wetterbericht für den nächsten Tag bewahrheitet versuchen wir etwas Schlaf zu finden.

Kurz vor 4 Uhr klingelt der Wecker, den man gar nicht braucht. Im Schlafsaal ist bereits hektisches Treiben. Die meisten der 15 anderen Zimmergenossen sind schon beim Sortieren der Ausrüstung und dem Zusammenpacken derselben. An Schlaf war kaum zu denken – typisch Berghütte. Zum Frühstück gibt es Brot, Marmelade, Nutella, Honig, Müsli, Kaffe, Tee – kein Vergleich zu dem ausgiebigen Mahl vom Vorabend. Wir lassen uns Zeit und befinden uns erst 45 Minuten später im Vorraum der Hütte, um uns Abmarschbereit zu machen. Vor uns sind schon drei andere Seilschaften aufgebrochen. Das Licht ihrer Kopflampen ist kaum noch im Dunkel der Nacht zu erkennen, als auch wir uns auf den Weg machen.

Knapp eine Stunde und 100 Höhenmeter später erreichen wir den Einstieg auf den Glacier de Tré la Tête. Zum Schutz vor Spaltenstürzen heißt es jetzt Steigeisen anlegen und anseilen. Wir erkennen die Spuren der vorausgehenden Seilschaften im Schnee und als sich langsam das erste Tageslicht andeutet, sehen wir sie als kleine Punkte kurz vor dem Col des Dômes. Wir tun es ihnen gleich und steigen langsam und stetig auf dem Glacier de Tré la Tête immer weiter bis auf knapp 3.300m auf. Links und rechts unserer Spur befinden kleine und große Gletscherspalten. Vor Sonnenaufgang ist das Eis in ein kühles, gespenstisches Licht getaucht – eine unwirkliche Szenerie.

Hundert Höhenmeter unterhalb des Col de Dômes erreichen uns die ersten wärmenden Sonnenstrahlen und wir nutzen diesen Augenblick für eine kurze Rast. Der Gipfel des Dôme de Miage mit einer Höhe von 3.670m ist bereits zu sehen. Eine der anderen Seilschaften verschwindet gerade hinter dem Gipfel. Höchstwahrscheinlich sind sie auf dem Weg zum Refuge Durier und dann weiter in Richtung Mont Blanc Gipfel. Als wir den Col de Dômes erreichen, folgen wir den anderen beiden Seilschaften über den Miage-Grat. Der zu beiden Seiten steil abfallende Eis- und Felsgrat erstreckt sich über drei Gipfel und läuft dann zum Col de la Bérangère auf 3.348m aus. Zugegebenermaßen läßt der Grat den Adrenalinspiegel in uns deutlich ansteigen – hoffentlich rutscht keiner ab! Trotz bestem Wetter und keinem Wind machen wir in dieser Situation nur ein Gipfelfoto im Sitzen.

„ZU!“ – wir reagieren automatisiert. Der Seilletzte ist abgerutscht und schießt die Eisflanke kurz vor dem Col de la Bérangère runter. Mit Hilfe des Pickelrettungsgriffs bremst er die Fahrt ab, wir anderen rammen die Eisäxte und Steigeisen ins Eis, um ihn vollends zu stoppen. Einen Augenblick später ist schon alles vorbei und wir sortieren uns neu. Trotzdem wollen wir so schnell es geht von dem steilen Eis weg. Am Col de la Bérangère angekommen machen wir eine Pause und das Erlebte muss erstmal verarbeitet werden. Während wir Rasten kommt uns ein einzelner Bergsteiger vom Aiguille de la Bérangère entgegen, wir tauschen uns kurz aus bevor er ungesichert die steile Flanke zum Miage-Grat aufsteigt. Verrückt!

Der Aiguille de la Bérangère ist 3.348m hoch und bildet den südlichen Abschluss des Miage-Grates. Ein felsiger, teilweise vereister Grat mit kleinen Kletterstellen, die jedoch nicht wirklich ein Problem darstellen. Nach der Überschreitung steigen wir über die Südseite ab und erreichen glücklich sowie erschöpft das Refuge des Conscrits. Eine Cola und Trekkingmahlzeit später treten wir den Rückweg bis runter ins Tal nach Les Contamines an.

 

Fakten Dômes de Miages Traverse: Schwierigkeit: WS+, II • Steilheit: 40° – 45° • maximale Höhe: 3.670m • Aufstieg: 3.200m • Abstieg: 3.200m • Strecke: 32km • Gehzeit: ca. 12 Stunden • 2 Tage ab/bis Les Contamines

 

Video: Die Dômes de Miage Überschreitung

 

Eine Grat-Wanderung im Schatten des Mont Blanc. Vom kleinen Ort Les Contamines-Montjoie geht es über die Hütte Tré la Tête und einer Übernachtung in der Berghütte Refuge des Conscrits zur Miage-…