Berg- und Talfahrt – Mit dem Rennrad durchs Erzgebirge nach Karlsbad

50. 55. Mit 60 km/h hinab ins Tal. Mein Rennrad klappert über die löchrige Straße im Nirgendwo Tschechiens. Wir sind allein im Wald – vier Männer und das Rattern ihrer Rennräder. Keine Autos. Plötzlich legt mein Vordermann eine Vollbremsung hin, springt hektisch vom Rad. Ich tue es ihm gleich. „Wespe, Wespe, Wespe“.

Tschechien? Erzgebirge? Karlsbad gehört nicht unbedingt zu den Orten, an denen jeder Rennradsportler einmal gewesen sein will. Dennoch packen wir drei Wochen später Rennräder und kleines Gepäck in unseren Kombi und fahren Richtung Erzgebirge. Unsere Unterkunft, die familiäre Pension Sonnentau in Johanngeorgenstadt, liegt nur einen Steinwurf von der tschechischen Grenze entfernt. Essen. Schlafen. Rad aufpumpen. Die Fahrer der  Tour de France durchqueren gerade die Pyrenäen, als wir in der Bergstadt Johanngeorgenstadt südlich von Aue zu unserer Tour nach Karlsbad aufbrechen. Die zwei Kilometer lange abfallende Strecke bis zur Grenze haben wir schnell geschafft, passieren das Markttreiben an der Grenze und bewegen uns gen Süden. Kleine Dörfer, Bauernhöfe. Die Straße liegt schnurgerade und mit leichtem Anstieg vor uns. Vorbei an Pemink, einem kleinen Ort, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Orientierungssinn gefragt

Auf den letzten Kilometern haben wir dichte Tannenwälder passiert. Nun stehen wir vor einem etwas anderen Wald – einem aus Schildern. Unsere eigentliche, 34 Kilometer lange Route ist gesperrt. Baustelle. Sackgasse. Kein Durchkommen. Wie weiter? Auch ein vorbeikommender Mountainbike-Fahrer kann uns nicht wirklich helfen. Viele Verbindungsstraßen zwischen den Dörfern scheint es im Erzgebirge nicht zu geben. Die Umleitung zeigt nach links. Der Mountainbike-Fahrer hingegen empfiehlt: rechts abbiegen. Abstimmen? Eindeutiges Ergebnis. Wir fahren nach links Richtung Merklin.

Erzgebirge Rennrad

Im Angesicht des Schilderwaldes: Weil der direkte Weg nach Karlsbad gesperrt ist, müssen wir umplanen

Wir schrauben uns im hügeligen Erzgebirge in Serpentinen bergauf. Oft erstrecken sich die Anstiege über sechs, acht Kilometer. Meine Motivation: der Gedanke an die Abfahrt. Die Geschwindigkeit zu spüren. Das Adrenalin. Kurz davor durchflutet mich ein Hauch von Aufregung. Wird alles gut gehen?

Wespenangriff bei Höchstgeschwindigkeit

Wir fliegen die Strecke nach Merklin hinab. Die Nadelbäume in ihren vielfältigsten Grünblau-Tönen verschwimmen im Augenwinkel zu einem diffusen Märchenwald. Die Straße wird schlechter. Wir müssen dem einen oder anderen Schlagloch ausweichen. Es sind nur wenige Autos unterwegs. Den Sound auf der Straße erzeugen wir – mehr ein Rattern denn ein Surren auf dem immer schlechter werdenden Asphalt. Plötzlich greift mein Vordermann voll in die Bremsen, springt hektisch vom Rad, lässt es unkontrolliert auf den Asphalt knallen, reißt sich den Helm vom Kopf und schleudert ihn ins Gras. Er fasst sich an den Kopf: „Wespe, Wespe, Wespe“. Ein Stich – eine Erfahrung, die sicherlich nicht zu den schönsten gehört. Ein paar Minuten Pause und Kühlung später sieht er wieder entspannter aus. Keine Allergie. Zum Glück.

Zurück auf dem Rad folgen wir den Schildern weiter Richtung Karlsbad. Die Umgebung wird flacher, die Wälder verschwinden. Es sind die Ausläufer des Erzgebirges. Wir gleiten an Feldern vorbei und erreichen schließlich: Karlsbad.


Karlsbad – die weltbekannte Kurstadt

Erzgebirge Rennrad

Kunterbunte Stimmung: Die farbigen Fassaden der Karlsbader Häuser aus dem 19. Jahrhundert laden zum Stadtspaziergang am Fluß Ohře ein

Dekorative Kolonnaden, heilsame Quellen, malerische Kurhäuser, traumhaft gelegen in einem Tal mit Blick auf bewaldete Hänge. Wenn man Karlsbad (Karlovy Vary) zu beschreiben versucht, klingt es immer, als würde man aus einem Reiseführer zitieren. Der im Westen Tschechiens gelegene Kurort in fünf Fakten:

  1. Karlsbad ist einer der berühmtesten und traditionsreichsten Kurorte der Welt.
  2. In allen Kolonnaden – weiße Kolonnaden oder auch Sprudelkolonnaden – finden sich Heilbrunnen mit Temperaturen von teilweise mehr als 60°C.
  3. Der Ort Karlsbad nennt zwölf Quellen sein eigen.
  4. Die größte Quelle wird Sprudel genannt. Sie befindet sich in den weißen Kolonnaden, ist 72°C heiß und schießt bis zu 14 Meter in die Höhe.
  5. Es gibt 19 per Kurortgesetz zugelassene, natürliche Heilwasser.

Pünktlich zu unserer Ankunft scheint in Karlsbad die Sonne. Wir nutzen diesen Moment, um unsere Energiespeicher aufzutanken – in einem landestypischen Restaurant am Fluß Ohre bei Gulasch und Knödeln. Auf der Terrasse sitzend genießen wir die wärmende Sonne, beobachten das bunte Treiben in der Stadt, spazieren anschließend noch eine Runde  durch den malerischen Kurort. Vorbei an Kolonnaden und Quellen geht bis zum „Grandhotel Pupp“, das 2006 nicht nur dem James Bond-Film „Casino Royale“ als Kulisse für das „Hotel Splendide“ in Montenegro, sondern auch dem Film „Grand Budapest Hotel“ als Inspirationsquelle diente. Sichtlich beeindruckt von der Kulisse treten wir die Rückfahrt an.

Unsere kleine Sightseeing-Tour hat uns bis ans andere Ende der Stadt geführt und so nehmen wir einen anderen Weg zurück Richtung Johanngeorgenstadt. Über Nejdek geht es auf einer gut ausgebauten Straße Richtung Unterkunft. Die Straße ist allerdings viel stärker befahren. Kurz bevor wir wieder in Pemink auf den bereits bekannten Weg kommen, gilt es, einen letzten Anstieg zu bezwingen. Fünf Kilometer. Danach aber geht es bis Johanngeorgenstadt wohlwollend leicht bergab. Wir lassen die Räder rollen – und die Tour bei bester Laune ausklingen.


 Die Tour auf einen Blick

Erzgebirge Rennrad – Karte

Auf der rund 90 km langen Tour sind etwa 1.600 Höhenmeter zu überwinden. Karlsbad liegt in einem Tal. Sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückfahrt wechseln sich Anstiege und Abfahrten fleißig ab.