Rad am Ring: 24 Stunden durch die Grüne Hölle

Samstagvormittag. Ein Raunen geht durch den Saal. Soeben hat Renndirektor Mike Kluge verkündet, dass der Start des 24-Stunden-Rennens Rad am Ring um drei Stunden verschoben wird. Mit hängenden Köpfen verlassen die Teilnehmer den Ring Boulevard am Nürburgring und bewegen sich wieder in Richtung ihrer Parzellen an der Grand-Prix-Strecke. Der Wind pfeift uns um die Ohren. Sturmwarnung. Die ersten Teilnehmer packen.

26 Stunden zuvor in Berlin. Wir schließen die Hecktüren des vollgepackten Transporters und machen uns auf den Weg Richtung Eifel. Unser Ziel: die 670 Kilometer entfernte legendäre Rennstrecke Nürburgring, wo seit 2003 das 24-Stunden-Rennen Rad am Ring stattfindet. 24 Stunden lang kein Motorenlärm auf der Nordschleife – nur das leise Surren der Rennräder. Mein Teampartner Robert und ich diskutieren unsere Taktik für den Rennverlauf als Zweier-Team: Wer fährt wann? Wer bekommt die zeitlich günstigeren Pausen in der Nacht? Wir ahnen nicht, dass unsere Gedanken bald hinfällig sein werden.

Am Nachmittag erreichen wir die Rennstrecke und richten uns auf unserer drei mal acht Meter großen Parzelle direkt auf der Grand-Prix-Strecke gegenüber der Mercedes-Tribüne ein. Wir sind das vierte Jahr in Folge dabei, fühlen uns beinahe wie zu Hause, haben mittlerweile eine gewisse Routine. Jedes Team – egal ob Einzelstarter, Zweier-, Vierer- oder Achter-Team – hat seine Parzelle direkt an der Strecke. Auf dem Platz nebenan: unser Freund Georg, der dieses Jahr zum ersten Mal als Einzelstarter auf die Strecke geht.

Rad am Ring Strecke

Unser Zuhause für die nächsten 48 Stunden: Die Autos und der Pavillon sind unser Rückzugsort bei Rad am Ring

Nach einer Stunde haben wir uns häuslich eingerichtet. Dann geht es Richtung Start- und Zielgerade, wo wir unsere Startunterlagen in der Boxengasse abholen. Den Tag krönt eine wohlverdiente Portion Pasta. Feierabend! Feierabend?

Sturm und Regen

Wir checken Wetter-App für Wetter-App. Bei welcher wir es auch versuchen: Die Prognose wird nicht besser. Einen ersten Vorgeschmack auf die Unberechenbarkeit des dortigen Wetters gibt uns die Eifel bereits am Freitagabend. Fast zwei Stunden verbringen wir damit, unseren Pavillon sturmfest zu machen und die wichtigsten Dinge im Transporter vor Regen und Feuchtigkeit in Sicherheit zu bringen. Kurz vor Mitternacht können wir uns endlich selbst zur Ruhe legen.

Rad am Ring Strecke

Gute-Laune-Killer: Selbst ein farbenfroher Regenschutz bringt bei Robert kein Lächeln ins Gesicht. Regen und Sturm sind schuld

Am nächsten Morgen weckt uns das Schaukeln des Transporters. Nach einer ruhigen Nacht sind Wind und Regen leider wieder zurück und drücken gegen den Transporter. Der Blick aus dem Seitenfenster verheißt nichts Gutes. Wir checken die Wettervorhersage: Regen. Viel Regen. Mit dem Himmel verdunkelt sich auch die Stimmung. Für den gesamten Samstag gibt es eine Sturmwarnung. Bis 22 Uhr.

10.30 Uhr. Wir machen uns auf den Weg zum Rennbriefing. Im Ring Boulevard haben sich viel mehr Teilnehmer eingefunden als in den Jahren zuvor. Gesprächsthema Nummer eins: Das Wetter. Regen, Sturm, Risiko – hier und da hört man das Wort „Rennabbruch“. Renndirektor Mike Kluge betritt die improvisierte Bühne um zu verkünden, dass der Start wegen der Sturmwarnung des Deutschen Wetterdienstes um drei Stunden verschoben wird.

Ein Raunen geht durch den Saal. Von den 24 Stunden, die das Rennen normalerweise dauert, bleiben nur noch 21 übrig. Für viele Teilnehmer ist jede Strategie, jedes Ziel, jede Planung mit einem Schlag hinfällig. Frust. Wut. Und doch wissen alle, dass es aus Sicht des Veranstalters die einzig richtige Entscheidung ist. Zu groß ist die Gefahr, bei einer Abfahrt mit mehr als 60 km/h von einer Windböe erfasst zu werden. Mit gemischten Gefühlen machen wir uns auf den Weg zurück zum Camp. Jetzt heißt es nur noch: Warten! Warten und darauf hoffen, dass das Wetter bis 16 Uhr besser wird.

Aus 24 mach 17 Stunden

Nach einer weiteren Portion Pasta und einem ausgedehnten Mittagsschlaf mache ich mich langsam bereit: Luftdruck am Rad prüfen, Trinkflasche füllen, Radklamotten anziehen. Gerade als ich fertig bin erklingt ein zweites Mal das ungeliebte Wort: Startverschiebung. Über Facebook erfahren wir, dass es nun erst um 20 Uhr losgehen soll. Aus einem 24-Stunden-Rennen ist damit ein 17-Stunden-Rennen geworden.

19.55 Uhr. Endlich stehe ich im Startblock. Seit 30 Minuten regnet es nicht mehr. Auch der Wind hat nachgelassen. Noch wenige Sekunden. Ein letztes Mal peitscht der DJ die Menge an. Dann ertönt der Startschuß, der vom schönsten Geräusch eines Radrennens verlängert wird: dem Einrasten von hunderten Schuhen in den Klickpedalen. Das Starterfeld setzt sich in Bewegung und folgt dem Verlauf der Grand-Prix-Strecke: Castrol-S, Bit-Kurve, Rheinland-Pfalz-Bogen, einmal quer durch das gesamte Teilnehmerlager. Hunderte Teammitglieder und Betreuer säumen die Strecke. Pfeifen. Klatschen. Anfeuern. Hinter der letzten Schikane auf der Grand-Prix-Strecke geht es links ab auf die legendäre Nordschleife – den Streckenabschnitt, der durch zahlreiche Tragödien, aber auch Titelentscheidungen berühmt wurde.

Rad am Ring Strecke

Startschuss: Dick eingepackt geht es um 20 Uhr endlich auf zur ersten Runde

Die ersten fünf Kilometern gleichen einer Berg- und Talfahrt – vorbei am Flugplatz Richtung Schwedenkreuz geradewegs zu einer der aufregendsten und spannendsten Stellen für die Radfahrer: Hinter dem Aremberg geht es bei Kilomter sechs scharf rechts hinab in die Fuchsröhre. Die Teilnehmer bringen es hier auf ihre persönlichen Höchstgeschwindigkeiten. Es ist die Stelle, an der auch ich später in der Nacht die 90 km/h-Marke nur um ein 1 km/h verpassen werde. Hier heißt es nur noch: Lenker festhalten, Körper flach und klein machen und die Sekunden purer Geschwindigkeit genießen. Auf der anderen Seite geht es schnurgerade wieder hinauf zum Adenauer-Forst.

Fahren oder Schieben?

Vollgepumpt mit Adrenalin geht es weiter. Die Strecke führt durch Wehrseifen und Ex-Mühle hinab Richtung Bergwerk. Hier gilt es die Ideallinie zu finden – also die Rechts-Links-Kombinationen ohne zu bremsen zu meistern. Ich kann das Rad laufen lassen. Hinter dem Bergwerk — dem Ort an dem Niki Lauda 1976 schwer verünglückte – geht es zum ersten Mal nach elf Kilometern etwas langsamer vorwärts. Über vier Kilometer zieht sich die Strecke zum höchsten und anstrengsten Punkt des Rennens hinauf: der Hohen Acht. Zehn Prozent Steigung zeigt mein Fahrradcomputer im Durchschnitt an. Auf den ersten beiden Runden ist das noch locker wegzustecken, wird mit der Zeit aber immer kräftezehrender.

Das Karussell – ein Steilwand-Kreisel – bietet eine willkommene Ruhepause. Ich versuche, den Puls wieder etwas runterzubekommen, bevor es gleich auf die finale Rampe zur Hohen Acht geht – mit 18 Prozent Steigung. Robert und ich pusten von Runde zu Runde mehr. Mit jeder Transponderübergabe werden wir wortkarger. Nur eine Frage bleibt konstant Bestandteil unserer immer kürzer werdender Gespräche: Bist du die Hohe Acht gefahren oder hast du geschoben? Die Antwort: ein böser Blick. Schieben? Also bitte …

Rad am Ring Strecke

Geschwindigkeitsrausch: Auf der Norschleife geht es munter auf und ab und es werden schnell Geschwindigkeiten jenseits der 60 km/h erreicht / Foto: Sportograf

Ist die Hohe Acht einmal geschafft, führt die Strecke über welliges Profil zur Döttinger Höhe. Auf der anschließenden langen Gerade zum Tiergarten versuche ich, mir immer eine kleine Gruppe zu suchen, um im kräftesparenden Windschatten etwas schneller fahren zu können. Ein letzter kurzer Anstieg, dann – 25,4 Kilometer später – landet man wieder auf der Start- und Zielgerade. Es geht vorbei an der Haupttribüne. Gerade einmal eine Runde ist geschafft. 540 Höhenmeter. Mehr als 70 Kurven. Am Ende werden es für Robert und mich in der Teamwertung 13 Runden sein.

In der Nacht fahren wir jeder drei Runden. Von 2.00 Uhr bis 5.30 Uhr bin ich auf der Strecke. Mittlerweile hat sich ein sternenklarer Himmel über die unbeleuchtete Strecke gelegt. Front- und Rücklicht sind Pflicht. Nach mehr als zwölf Stunden und zehn Runden werden wir spürbar träger. Unser Tag- und Nachtrythmus ist völlig durcheinander. Wir bekommen kaum noch einen Bissen runter. Seit zwölf Stunden quälen wir uns regelmäßig kleine Portionen Pasta, Energieregel, Toast und – als besondere Erfrischung – Wassermelone rein.

Am Sonntagvormittag müssen wir uns gegenseitig zu jeder einzelnen Runde motivieren. Mit nur einer Stunde Schlaf starte ich gegen 9.30 Uhr zu meiner sechsten Runde. Mit etwas mehr als einer Stunde fahre ich eine für unsere Verhältnisse gute Rundenzeit.

Um kurz nach 12 Uhr starte ich zu meiner letzten Runde. Einmal noch. Das letzte Mal. Als ich auf die Start-Ziel-Gerade biege, wartet Robert dort auf mich, damit wir gemeinsam über die Ziellinie fahren können. Es ist Sonntag, 13.18 Uhr. 13 Runden haben wir geschafft – und es unter den 141 startenden Zweier-Teams damit auf Platz 70 gebracht.

Genug für dieses Jahr. Bis zum nächsten Jahr.

 


Rad am Ring Strecke – Fakten-Check

Karte Nürburgring Rad am Ring Strecke

Beim 24-Stunden-Radrennen Rad am Ring treten Einzelfahrer, Zweier-, Vierer- und Achter-Teams gegeneinander an. Zusätzlich gibt es ein Jedermann-Rennen und ein 24-Stunden-Rennen für Mountainbiker. Dabei geht es für die Teilnehmer durch die legendäre Nordschleife und zum Teil auf der Grand-Prix-Strecke entlang sowie einmal durch die Grand-Prix-Boxengasse. Pro Runde gilt es, eine Streckenlänge von 25 km mit 540 Höhenmetern und mehr als 70 Kurven zu bewältigen. Die Wechselzone befindet sich auf der Grand-Prix-Strecke.