Mit dem Rennrad durch die Hitze Fuerteventuras

Wie ferngesteuert tastet sich meine Hand vom Lenker hinab am Rahmen entlang bis zur Trinkflasche. Ein letzter Schluck Wasser. Leer. Zwei große Flaschen. Eine letzte kleine Belohnung für den Körper. Es ist gerade mal Halbzeit – 38 gefahrene Kilometer und 600 Höhenmeter. 38 Kilometer bei unglaublichen 42 Grad Celsius. 38 Kilometer in anderthalb Stunden. Weitere anderthalb Stunden trennen mich von dem befreienden Sprung ins kühle Meer. Eine Erlösung – wie eine Kopfschmerztablette am Ende einer langen Partynacht.

Fuerteventura hat einiges zu bieten im Mai. Die meisten denken jetzt vermutlich ans Kite-Surfen im Atlantik, hübsche Mädchen am Strand und die schmackhafte Paella. Wir – meine drei rennradverrückten Freunde und ich – haben uns für das andere Fuerteventura entschieden. Mit dem Rennrad über eine karge Insel, auf der kaum eine Pflanze größer als 70 Zentimeter wird. Einsam, öde – aber auf Mallorca fahren, das macht doch jeder.

Keine Tour ohne Frühstück

Beim Frühstück deutet noch alles auf einen normalen Trainingstag hin. Es gibt Müsli, Rührei und süße Pancakes im klimaanlagen-gekühlten Frühstücksraum. Als spanische Delikatesse gönne ich mir außerdem die herzhafte Paprikawurst. Draussen funkeln die Räder erwartungsvoll in der goldgelben Sonne, die am wolkenlosen Himmel steht. Der Wind, den man eigentlich nach einigen Tagen auf Fuerteventura schon irgendwie ins Herz geschlossen hat, weht heute besonders munter.

Piep. Der Radcomputer hat das GPS-Signal gefunden. Klick, Klick. Die Schuhe rasten in die Klickpedale ein. Wir beginnen unsere Tour in Esquinzo und nehmen die ersten Höhenmeter locker und die kurzen Abfahrten routiniert und sicher. Wer einmal in seinem Leben mit 85 km/h die Fuchsröhre in der grünen Hölle auf dem Nürburgring gemeistert hat, der schaut nicht mehr auf den Tacho.

Fuerteventura Rennrad

Alltag auf Fuerteventura: Ganz legal geht es auf dem Standstreifen der Autobahn etwa vier Kilometer weit bis zur ersten Ausfahrt

Erste Anzeichen dafür, dass diese dann doch eine ganz besondere Tour werden soll, gibt es ab Kilometer Sieben. Auf der Autobahn geht es in Richtung Costa Calma. Auf dem Standstreifen natürlich. Wahnsinn? Lebensmüde? Alltag auf Fuerteventura. Die ersten paar Kilometer sind völlig legal nutzbar mit dem Fahrrad – es gibt schlichtweg keine andere Verbindung zwischen Jandia und Costa Calma. Die spanischen Autofahrer nehmen unsere Anwesenheit gelassen. Niemand hupt oder bedrängt uns. Wir sind Teil des fließenden Verkehrs, werden toleriert und respektiert.

Wir folgen den geraden, welligen Straßen in Richtung La Lajita. Immer den Wegweisern folgen? Nein, wir fahren eher nach dem Motto: immer dem Wind entgegen! Nach einigen Kilometern wird es jedoch Zeit, der Straße parallel zum Meer zu entfliehen und ins Hinterland abzubiegen. Den sprichwörtlichen Höhepunkt – den fast 400 Meter hohen Berg hinter dem Örtchen Cardon – gilt es zu bezwingen.

Wie wir gehen auch die Temperaturen bergauf

Die Temperatur steigt immer weiter nach oben. Auf dem heißen Asphalt müssen wir nicht selten Steigungen von mehr als 15 Prozent bezwingen. Sie verlangen uns einiges ab. Als wir den höchsten Punkt erreicht haben, sind alle über eine Pause glücklich. Schatten? Fehlanzeige. Ich trinke den letzten Schluck Wasser aus der Trinkflasche und mache mich wieder zügig auf den Weg in Richtung La Pared. Eine schnelle Abfahrt verkürzt die Zeit bis zum nächsten Kiosk, um Wasser für die zweite Hälfte der Strecke zu kaufen. 30 Kilometer ohne Wasser zu fahren wäre angesichts der Hitze leichtsinnig. Mittlerweile hat nicht nur die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, sondern auch das Thermometer. 42 Grad. Wolkenlos. Außergewöhnlich für Fuerteventura. Ein Fön vom afrikanischen Kontinent bringt die Hitze aus der Sahara über den Atlantik. Der warme Gegenwind ist eher unangenehm als wohltuend.

Fuerteventura Rennrad

Wüsten-Feeling: Der Asphalt zieht seine Bahnen durch die Dünen

Alle wollen jetzt nur noch zurück. Wir treffen auf ein paar andere Rennradfahrer. Gemeinsam fahren wir abwechselnd im Windschatten des Vordermanns und lassen so rasch Kilometer für Kilometer hinter uns. Kein Blick nach rechts oder links. Nahezu mechanisch folgen wir dem Straßenverlauf und passieren Costa Calma zum zweiten Mal an diesem Tag. Über die Autobahn bis zur ersten Abfahrt geht es zügig. Man hat geradezu das Verlangen, sich mit den – weitaus schnelleren – Autofahrern zu messen.

Nach etwa 75 Kilometern erreichen wir unseren Ausgangspunkt. Keine große Runde. Keine große Herausforderung – unter normalen Bedingungen. Angesichts der Temperaturen aber hat sie uns körperlich viel abgefordert und wird uns sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.

Fuerteventura Rennrad – Karte

Die 75 Kilometer lange Tour startet und endet in Esquinzo und führt über Costa Calma und La Lajita ins Hinterland


Fuerteventura mit dem Rennrad – Tipps für eine entspannte Ausfahrt

  • Einige Club-Hotels auf Fuerteventura bieten geführte Rennrad-Touren an. Zusätzlich gibt es lokale Rennrad-Verleiher. Hier heißt es: Rechtzeitig reservieren! Das Angebot ist nicht so üppig wie beispielsweise auf Mallorca
  • Absolute Neueinsteiger sollten Fuerteventura meiden. Temperatur, Wind und hügeliges Terrain fordern Kondition, Kraft und Erfahrung
  • Wer sich ein Rennrad vor Ort ausleiht, muss nur Kleidung, Schuhe, Pedale und natürlich den Helm mitbringen
  • Neben der Sonnencreme gehört ausreichend Wasser zur absoluten Pflichtausrüstung. Regelmäßig trinken! Sollte das Wasser einmal knapp werden, gibt es zwischendurch die Möglichkeit, die Vorräte an einem Kiosk oder einer Tankstelle aufzufüllen
  • Auto- und Busfahrer reagieren mit südländischer Geduld auf Radfahrer auf der Straße – selbst auf der Autobahn