Madeira Trailrunning – Von Küste zu Küste

Die Nacht endet mit dem Weckerklingeln um 7.00 Uhr morgens in einem Hotel in Funchal, der Hauptstadt von Madeira an der Südküste der Insel. Das Haus liegt am Rand des Amphietheaters – so nennt man die Bucht in Funchal. Eine kleine Schale Müsli, etwas Obst, ein Toast mit Marmelade – für ein großes Frühstück ist es zu früh. 8.00 Uhr. Ich steige in den Mietwagen und fahre gen Nordküste bis ins 50 Kilometer entfernte Sao Jorge. Von dort aus möchte ich Madeira von der Nord- bis zur Südküste überqueren. Die einzigen Hindernisse sind der Pico Ruivo – mit 1.862 Metern der höchste Berg der Insel – und sein Nachbar Pico Arieiro mit 1.818 Metern.

 

Trailrunning auf Madeira

Das Trailrunning erfreut sich auf Madeira immer größerer Beliebtheit. Die vielen ausgezeichneten Wege mit Kilometerangaben sorgen für das perfekte Laufvergnügen. Einige Reiseveranstalter bieten spezielle Trailrunningreisen nach Madeira an – 6 Tage, ab € 849,- inklusive Übernachtungen, Führung und Gepäcktransport.

Die größte Veranstaltung ist der Madeira Island Ultra Trail (MIUT®) jedes Jahr im April. 2015 können Läufer hier an vier verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen: dem MIUT® 115 (+6.800 Höhenmeter), dem ULTRA 85 (+4.000 Höhenmeter), dem TRAIL 40 (+870 Höhenmeter) oder dem TRAIL 17 (+90 Höhenmeter). Der MIUT® ist Teil der Ultra-Trail® World Tour.

 

Mein Trailrunningabenteuer startet um 9.00 Uhr am grobsteinigen Strand von Sao Jorge. Die ersten 500 Höhenmeter lege ich auf der Straße zurück. Kein Auto weit und breit, nur hier und da ein Anwohner, der mich argwöhnisch mustert. Viele Läufer scheinen hier nicht vorbeizukommen. Nach einer Stunde erreiche ich das Ende der Straße in Ilha. Die Übersichtstafel zeigt den Trail bis zum Pico Ruivo – es sind etwas mehr als 8 Kilometer bis zum Gipfel.

Bei 15 Grad Celsius und leichtem Rückenwind gewinne ich schnell an Höhe. Der Weg führt vorbei an Bananenplantagen und durch dichte Küstenwälder. Ich komme gut voran – noch jedenfalls. Die anfangs vorbildlichen Wegkennzeichnungen werden nachlässig. Die nächste Weggabelung fordert mein Gespür heraus: Links? Rechts? Geradeaus?

Die Wahl fällt auf den Weg, der am steilsten nach oben führt – und nach zehn Minuten an einem verschlossenem Gatter endet. Der zweite Weg verläuft sich nach wenigen Metern in einem Dickicht aus heruntergestürzten Bäumen und Gestrüpp. Scheinbar ist hier schon lange niemand mehr durchgekommen. Der richtige ist der schließlich dritte Weg. Mit 30 Minuten Verspätung finde ich zurück auf den Kurs gen Südküste.

An der nächsten Kreuzung habe ich mehr Glück – auch ohne Beschilderung. Ich lande beim ersten Anlauf auf der richtigen Route. Mittlerweile habe ich die Wolkenuntergrenze erreicht. Die Wolke umhüllt mich. Nur wenige Meter des Trails sind vor meinen Augen zu erkennen. Ich spüre, wie die Sonne mit jedem Schritt an Kraft gewinnt bis ich schließlich durch die Wolkendecke stoße und zum ersten Mal die wundervolle Sicht auf die Berge Madeiras genießen darf. Wie Inseln ragen die grünen Hänge der umliegenden Berge aus der Wolkendecke heraus. Ein atemberaubender Anblick, der die letzten Höhenmeter bis zum Gipfel des Pico Ruivo wie im Fluge vergehen lässt. Geschafft – nach fünf Stunden erreiche ich das „Roof of Madeira“.

Das Wetter ist stabil – wenig Wind, Sonnenschein. Nach einer kurzen Rast auf dem Gipfel des Pico Ruivos breche ich in Richtung Pico Arieiro auf. Zwischen dreieinhalb und fünf Kilometern sind es bis zum anderen Gipfel – je nach Route. Doch ein abgerutschter Hang hat Teile der Strecke unpassierbar gemacht. Auf abenteurlichen Pfaden lege ich mehr kletternd als laufend die Kilometer bis zum Pico Arieiro zurück. Dort angekommen fülle ich meine Wasservorräte in einem Kiosk auf. Meine 2,5 Liter waren komplett aufgebraucht.

Als ich mit dem Abstieg beginne, stecken mir bereits 30 Kilometer Anstrengungen in den Beinen. Nach Funchal sind es nun noch 10 Kilometer Luftlinie – das sollte in zwei Stunden zu schaffen sein, denke ich. Vor der Dunkelheit, die um 18.30 Uhr hereinbricht, will ich bis zu den beleuchtenden Straßen der Stadt kommen. Als ich das obere Ende der Wolkendecke wieder erreiche, beginnt es bereits zu dämmern. Und als wäre es nicht genug, endet der Trail – genau – im Nichts. Der Nebel wird dichter, es wird immer dunkler. Ich entscheide mich gegen eine zeitaufwendige Suche nach dem Weg und versuche, die abends gesperrte Nationalparkstraße zu erreichen. Die Strecke ist zwar länger, doch ich weiß, dass sie mich zurück hinunter nach Funchal und zum Ziel meines Laufes führen wird.

Stockdunkel ist es mittlerweile. Ich laufe auf der leeren Straße. Bis nach Funchal sind es noch 1.400 Höhenmeter im Abstieg. Als ich endlich wieder durch die Wolkendecke blicken kann, sehe ich in weiter Ferne die ersten Lichter der Stadt. Das Ziel meines Laufabenteuers von der Nord- zur Südküste ist in greifbarer Nähe. Geschafft und glücklich komme ich in Funchal an. Für die knapp 55 Kilometer habe ich letztendlich 12 Stunden gebraucht.

 

Von der Nord- zur Südküste

Madeira Trailrunning