UTMB OCC – Mein Weg zum Ultra-Trail

Der Ultra-Trail du Mont-Blanc ist Teil der Ultra-Trail World Tour. Er gehört zu den anspruchsvollsten Bergläufen überhaupt. Läuferinnen und Läufer aus allen Teil der Welt treffen sich jedes Jahr im französischen Chamonix, um sich auf den insgesamt fünf verschiedenen Strecken zu messen: UTMB, CCC, TDS, OCC und PTL. Die Distanzen reichen von 53 Kilometern (OCC) bis zu 300 Kilometern (PTL). Beeindruckend sind aber nicht nur die Distanzen – sondern vor allem auch die Naturkulisse, in der der Bergmarathon rund um den Mont-Blanc stattfindet.

 

Prolog

Es ist mitten in der Nacht. Ich bin müde. Mir ist kalt. Wie lange wir hier im Nirgendwo schon auf meinen Bruder und seinen Mitstreiter warten, weiß ich nicht. Ständig treffen neue Läuferinnen und Läufer an der Verpflegungsstation ein, verweilen kurz und brechen dann zur nächsten Etappe auf. Zwei bekannte Gesichter suche ich unter den Ankommenden aber  seit Stunden vergeblich. Den ohrenbetäubenden Lärm aus dem Lautsprecher direkt neben uns nehme ich kaum mehr wahr. Ebenso wie den beißenden Geruch von Schweiß und Magensaft, der mir mittlerweile tief in der Nase sitzt. Ja, ich bin aus freien Stücken hier. Zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben sind gerade dort draußen. Sie laufen durch die Nacht, gehen Stunde für Stunde, Schritt um Schritt an ihre körperlichen und mentalen Grenzen.

Dann ist es endlich soweit. Wie aus dem Nichts tauchen die Beiden auf und erreichen mit leichter Verspätung die Verpflegungsstelle. Die Strapazen der letzten Stunden sind ihnen deutlich anzusehen, ihre Gesichter blass und eingefallen, ihre Körperhaltung gebeugt. Doch ein Blick in ihre Augen verrät: Es ist nicht das Ende ihrer Kräfte! Diese Willensstärke! Dieses unbändige Selbstbewusstsein! Ein Ausdruck, den ich nie wieder vergessen werde. Ich bin ebenso beeindruckt wie fasziniert.

Es war wohl genau dieser Moment, an dem ich den Entschluss gefasst habe, selbst einmal Teilnehmer des Ultra-Trail du Mont-Blanc zu sein.

 

Meine ersten Laufeinheiten – im Gehen

Ich bin kein Läufertyp – noch nie gewesen. Weder bin ich besonders drahtig, noch habe ich eine herausragende Lauftechnik. Das Laufen hatte ich immer gern anderen überlassen und mich stattdessen dem Crossfit gewidmet – einem martialischen Sport mit schweren Gewichten und kurzen intensiven Trainingseinheiten in einer Halle. Eine Stunde „all out“ – damit kannte ich mich aus. Und jetzt wollte ausgerechnet ich als Läufer nach Chamonix zurückkommen? Stundenlang den Herausforderungen am Berg und dem Wetter trotzen? Ein zäher Brocken sein?

Grundlagenausdauer hießt das Zauberwort, das am Anfang der Geschichte stand – Training bei einer durchschnittlichen Herzfrequenz von ungefähr 75 Prozent. Damit fing ich an. Meine ersten Laufeinheiten absolvierte ich also fast im Gehen – in flachem Gelände. Die ersten 60 Minuten waren nie ein Problem. Mein Körper wusste mit einer Stunde Sport umzugehen. Längere Läufe brachten mich allerdings schnell an meine Grenzen. Die Muskeln wurden müde, die Sehnen brannten, schon bald rebellierten meine Gelenke gegen die monotone Belastung beim Laufen. Höchste Zeit also, von der Straße ins Gelände zu wechseln – und die ersten Hügel mit einzubauen.

 

Es lag noch viel Arbeit vor mir

Meinen ersten richtigen Traillauf absolvierte ich  in der Pfalz – 36 Kilometer, 700 Höhenmeter, ein Fünftel der vertikalen Distanz, die mich am Mont-Blanc erwarten würde. Immerhin! Mit letzter Kraft erreichte ich nach mehr als vier Stunden das Ziel. Geschafft! Ich war glücklich – und doch zweifelte ich angesichts meines Ziels an mir und meinem Leistungsvermögen. Es lag noch viel Arbeit vor mir.

Die nötige Motivation für das weitere Training fand ich im täglichen Training mit meiner Freundin – ein läuferisches Naturtalent mit der passenden Portion an Erfahrung und Optimismus. Attribute, die ich mir noch aneignen musste. Doch man lernt schnell, wenn man muss. Wir absolvierten bis zu fünf Laufeinheiten pro Woche mit wechselnden Intensitäten: mal kurze und heftige Steigerungsläufe, mal lange und ausdauernde Touren durch den heimischen Odenwald. Erholung gönnten wir uns kaum.

Schon nach wenigen Wochen trug das Training die ersten Früchte. Wir hörten auf, in Entfernungen zu denken. Kilometer verloren allmählich ihre Bedeutung. Die Wettkampfwährung würden ohnehin die Höhenmeter sein. Also konzentrierten wir uns darauf, nahmen an kleineren Trail- und Bergläufen teil, um Routine zu bekommen. Das Befüllen der Trinkbehälter. Die Auswahl der Verpflegung. Die Aufregung kurz vor dem Startschuss. Alles sollte in Fleisch und Blut übergehen, damit wir uns auf das Wesentliche konzentrieren konnten: das Laufen. Bergauf, bergab. Stundenlang.

Keine Premiere ohne Generalprobe – diese sollte der Trail an der Zugspitze sein. Wir brachten erstmals mehr als 1.200 Höhenmeter in einem Lauf hinter uns, trotzten widrigsten Wetterbedingungen. „Mit ein Bisschen Glück haben wir 6-8 Grad und Schneeregen“, sagte der Rennleiter am Abend vor dem Start – Worte, die mir in der Nacht vor dem Lauf nicht mehr aus dem Kopf gehen wollten. Die Generalprobe verlief gut. Etwas mehr als fünf Stunden sollten wir am Ende brauchen. Am Ende der Generalprobe blieb das beruhigende Gefühl, noch Kraft übrig zu haben. Chamonix konnte kommen!

 

Der Geruch von Schmerzgel liegt in der Luft

Und dann war es soweit. Ich traf mich mit meinem Laufpartner Marcus am Flughafen in Genf und bestieg den Shuttelbus Richtung Mont Blanc. Wie routinierte Trailläufer fachsimpelten wir während der Fahrt über unsere Vorbereitungsläufe und Trainingsleistungen. Wir malten uns aus, wie es uns wohl auf der Strecke ergehen würde, welchen Profis wir begegnen würden. Ein bisschen fühlte es sich an wie eine Klassenfahrt. In Chamonix hatten wir zwei Tage zur Akklimatisierung eingeplant, die wie im Flug vergingen. Unterkunft beziehen, kurzer Imbiss, dann schnell ins Getümmel. Sightseeing und Bummel über die Messe. Der Ort war überfüllt von Sportlern. Kompressionssocken in den knalligsten Farben. Finisher-Shirts aus der ganzen Welt. Der Geruch von Schmerzgel hing in der Luft. Hier fühlte ich mich wohl – auch als „Newbie“. Ich wollte Flagge zeigen. Ich streifte das T-Shirt über, das ich beim Zugspitzlauf bekommen hatte, und ging zur Startnummernausgabe.

An den Vorabend des Laufs erinnere ich mich sehr gut. Meinen Rucksack habe ich sicherlich drei oder vier mal neu gepackt, weil ich jedes Mal, wenn ich ihn zumachte, glaubte, bestimmt irgendetwas vergessen zu haben.  „Läuferdemenz“ – oder einfach die Aufregung. Mein Laufpartner hingegen legte sich völlig unbekümmert und ruhig schlafen.

Am Morgen erwachte ich mit dem gleichen mulmigen Gefühl, mit dem ich zu Bett gegangen war – fünf Minuten vor meinem Wecker. Mein Laufpartner war auch schon wach, gut gelaunt und entspannt wie eh und je. Ein Glück: Seine Ruhe tat mir gut. Wir zogen uns an, schnappten unsere Ausrüstung und zogen los. Gefrühstückt wurde auf dem Weg – auch wenn mir nicht nach Essen zumute war.

 

Und dann fällt der Startschuss

Wir stehen in der Startaufstellung. Endlich. Meine Nervosität ist auf dem Zenit. Um uns herum ziehen Rennkommissare in roten Westen einzelne Läufer stichprobenartig aus der Menge, um ihre Pflichtausrüstung auf Vollständigkeit zu kontrollieren. Mein Mitstreiter und ich reden Unsinn, um uns abzulenken. Das Starterfeld wird von großen Lautsprechern abwechselnd auf französisch und englisch mit letzten Instruktionen beschallt. Mein Kopf schwirrt vor Fragen, vor Zweifeln: Bin ich gut genug vorbereitet? Hätte ich mehr machen müssen? Wird alles gut gehen?

Und dann, ganz plötzlich ist alles weg – die Anspannung, die Aufregung. Von einer Sekunde auf die andere.  Alle Unsicherheiten, alle negativen Gedanken fallen von mir ab. Ich bin fokussiert. Vorfreude breitet sich in mir aus auf das, was uns erwartet. Ich fühle mich willensstark und selbstbewusst. Ich weiß jetzt, dass alles gut werden wird. Ich werde meinen ersten Ultra-Trail laufen und erfolgreich beenden. Dann fällt der Startschuss.

 

Am ersten Anstieg entsteht ein Stau auf dem schmalen Trail

Ultra-Trail mit Ultra-Stau: Schon am ersten Anstieg müssen wir auf dem schmalen Weg anstehen

Stundenlanges Auf und Ab – utmb occ

Stundenlanges Auf und Ab: 3.300 Höhenmeter sind auf der 55 Kilometer-Distanz des OCC zu überwinden

Stolz im Ziel – die 53 Kilometer sind geschafft – utmb occ

Stolz im Ziel: Nach 53 Kilometern, 3.300 Höhenmetern und 12:26:45 erreichen wir um 20:45 Uhr abends das Ziel


Die Strecke des Ultra-Trail du Mont-Blanc (OCC) 2015

utmb_occ_chamonix

 


Fotos: Marcus Neuß