Trailrunning um den Mont Blanc

Der Startschuss für mein Trailrunning-Abenteuer fällt um 7.00 Uhr morgens auf dem Platz Brocherel im Zentrum von Courmayeur (1.220 Meter) in den italienischen Alpen. Ein Helikopter mit einem Kamerateam schwebt über unseren Köpfen. Zusammen mit 1.600 anderen Trailrunnern starte ich unter dem Beifall der Zuschauer auf die 119 Kilometer lange Strecke. Die Atmosphäre überzieht meinen Körper mit einer Gänsehaut – ich bin Teil des internationalen Starterfelds der 2014er Auflage des Ultra-Trail du Mont-Blanc TDS (UTMB).

 

Vorbereitung auf einen 119-Kilometer-Lauf

Acht Monate zuvor vorher saßen mein Laufpartner und ich vor dem Computer, um auf  die Auslosung der Startplätze für den UTMB CCC zu warten – und wurden enttäuscht. Wir waren nicht unter den Glücklichen. Dann aber entdeckten wir eine Nachricht auf der UTMB-Website: Alle, die aus der Lotterie herausgefallen waren, könnten sich spontan auf den 20 Kilometer längeren UMTB TDS ummelden – ohne Auslosung, Startplatz direkt gesichert … und noch 200 Plätze verfügbar. Der Anmeldebutton war gedrückt, bevor wir uns wirklich über die Ausmaße unseres Vorhabens klar werden konnten.

Doch wie kann man sich in Berliner Flachland auf mehr als 7.000 positive Höhenmeter vorbereiten? Diese Frage stellte ich mir während meiner morgendlichen Läufe im Park. Es gibt einen Hügel mit 40 Metern Höhendifferenz  – ich schaffe 600 Höhenmeter in der Stunde.

In den letzten 12 Wochen vor dem Start trainiere ich bis zu sechs mal pro Woche. Eine Stunde, manchmal zwei Stunden, immer rauf und runter. Mittlerweile kenne ich jeden Weg auf den Hügel, jeden Grashalm und jede Unebenheit auswendig. Die Herausforderung, die Motivation aufrecht zu erhalten und den Sinn dessen, was ich tue, nicht zu hinterfragen, ist das schwerste an dieser selbstgestellten Aufgabe.

Der August rückt näher. An den Wochenenden mache ich immer längere Läufe – bis zu 60 Kilometer. Auch eine Nacht durchlaufe ich mit meinem Laufpartner. Ganz alleine im Wald. Die Strahlen unserer Kopflampen zerschneiden den dichten Nebel. Zwischen den Bäumen schauen uns Augenpaare von Rehen und Wildschweinen an.

Noch drei Wochen bis zum Start. Mit Freunden verbringe ich die Abende in der Höhenkammer. In einer simulierten Höhe von bis zu 5.000 Metern machen wir uns für die nahende Herausforderung fit. Zehn Tage vor dem Start reisen wir nach Chamonix, geniessen die Berge und die Stimmung vor dem großen Event.

Der große Tag ist gekommen. Um vier Uhr klingelt der Wecker. Ausrüstung und Kleidung habe ich bereits am Vorabend fein säuberlich bereitgelegt. Bloß nichts vergessen. Bei einem so langen Rennen ist jedes Detail wichtig und kann über Erfolg und Niederlage entscheiden. Ich ziehe die Laufsachen an, streife den Rucksack über. Trotz flauem Gefühl im Magen zwinge ich mich, Kohlenhydrate und Flüssigkeit zu mir zu nehmen – Bananen, Kuchen und ein isotonisches Getränk stehen auf dem Frühstücksplan. Jetzt gilt es, die letzten Speicher vor dem Rennen noch mal aufzufüllen. Danach mache ich mich mit meinem Laufpartner auf zum Start in Courmayeur.

 

Laufen, atmen, essen, trinken, laufen …

Langsam setzt sich das Starterfeld in Bewegung. Vom Countdown und Startschuss habe ich kaum etwas mitbekommen. Ab jetzt heißt es nur noch: laufen, atmen, essen, trinken, laufen … laufen! Mein Kopf ist leer, ich versuche, meinen Rhythmus zu finden.

Wir drehen ein paar Runden durch Courmayeur. Ich sehe mein Supportteam am Rand der Strecke – ein letztes Mal für die nächsten Stunden. Dann geht es an die ersten Höhenmeter. Ich muss aufpassen. Zu gern lasse ich mich von der Stimmung zu Beginn eines Rennens dazu hinreißen, zu schnell zu laufen. Wenn ich das Rennen schaffen möchte, muss ich meinen Puls aber niedrig halten.

Nach 90 Minuten Laufen auf einem Forstweg erreichen wir den Col Checrouit (1.956 Meter) und damit die erste Verpflegungsstelle. Ich fülle meine Wasservorräte auf. Im Vorfeld habe ich berechnet, wie viel Flüssigkeit ich an den jeweiligen Verpflegungspunkten aufnehmen muss, sodass es bis zur nächsten Station reicht, ich aber nicht zu viel Gewicht tragen muss. Alles ist genau geplant: alle 15 Minuten 150 Milliliter trinken, einmal in der Stunde etwas essen.

UTMB TDS 2014

Der erste Stau

Hinter der Verpflegungsstation setzt sich die Strecke als schmaler Pfad fort. Noch hat sich der Startblock nicht weit auseinander gezogen, an einigen Stellen entstehen immer wieder Staus – eine gute Gelegenheit, den Puls zu senken. Aber auch um die tolle Kulisse rund um den Mont Blanc zu geniessen. Wir haben Glück mit dem Wetter: Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen – optimales Laufwetter. Ich steige über den Arête Du Mont-Favre (2.435 Meter) runter bis zum Lac Combal (1.970 Meter) und weiter bis zum Col Chavannes (2.603 Meter) auf. Das ist der höchste Punkt der Strecke, knapp 20 Kilometer nach dem Start.

Die lange Bergabstrecke nach Alpetta lege ich rennend zurück. Ich habe meine Geschwindigkeit gefunden, der Puls liegt im vorgeschriebenen Bereich – die Welt ist in Ordnung. Nach 36 Kilometern erreiche ich den Col du Petit Saint-Bernard (2.188 Meter) und mit ihm die zweite Verpflegungsstation. Bei einer kurzen Rast fülle ich mein Wasser auf, esse Suppe, Brot und Orangen.

Ein 15 Kilometer langer Downhill nach Bourg Saint Maurice (816 Meter) beginnt. Langsam spüre ich meine Beine, vor allem aber schmerzen meine Fusssohlen – kaum verwunderlich nach 50 Kilometern. Mit brennenden Füßen erreiche ich die Verpflegungsstation, an der mich mein Supportteam bereits erwartet. Bourg Saint Maurice ist eine von zwei Stationen, an denen es erlaubt ist, persönliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ich setzte mich, mein Team füllt meine Gel und Riegelreserven wieder auf. Ich ziehe Schuhe und Socken aus, massiere meine Füße und Waden. Ich habe in diesem Moment keine Ahnung, wie ich auch nur noch einen einzigen Schritt weiter gehen soll. Ans Aufgeben aber verschwende ich keinen Gedanken. Meine Füße sehen wider Erwarten nicht so schlecht aus, wie befürchtet. Nur eine kleine Blase an der Innenseite meiner Ferse. Ich tape meine Fußballen, um weiteren Blasen vorzubeugen.

 

Rennend durch die Nacht

Beim Verlassen der Station wird mein Rucksack kontrolliert. Jacke und Mobiltelefon muss ich vorzeigen. Es ist bereits früher Abend. Ich motiviere mich mit dem Gedanken an die herannahende Nacht. Der Wechsel der Lichtverhältnisse lenkt den Kopf ab. Ich steige zum Fort de la Platte (1.976 Meter) und dem Passeur de Pralognan (2.567 Meter) auf. Das Läuferfeld hat sich mittlerweile weit auseinander gezogen. Links und rechts des Trails sitzen oder liegen erschöpfte Läufer. Das Rennen fordert seinen ersten Tribut.

Die Nacht holt mich ein. Im Schein meiner Kopflampe verfalle ich nur noch in den leichten Passagen in einen schonenden Laufschritt, die meiste Zeit gehe ich nur. In der Dunkelheit kommt dichter Nebel auf. Das Gelände wird unwegsamer. Der Weg führt über schmale steile Wege auf glitschigen Steinen auf und ab. Plötzlich erschrecke ich. Im Schein meiner Kopflampe sehe ich einen Läufer auf einem Stein liegen. „Ça va?“ frage ich. Eine kurze Antwort: „Qui, ça va…“. Wenig später sehe ich einen anderen Läufer, der am Rand sitzt und schläft.

Meine Schuhe sind mittlerweile platt gelaufen, die Dämpfung ist schlichtweg nicht mehr vorhanden. Ich sehne mich nach Cormet de Roselend (1.967 Meter) wo mein Ausrüstungsbeutel mit neuen Strümpfen und Schuhen auf mich wartet. Dann endlich: Halbzeit! Im Dunkeln laufe ich in die Station ein. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich die gleiche Strecke noch einmal zurücklegen muss.

UTMB TDS 2014

Im Schein der Kopflampen geht es weiter bergauf

Weiter gehts durch die Nacht. Der Schuhwechsel hat Wunder bewirkt, ich laufe wie auf Wolken. Vor mir schlängelt sich eine Raupe aus Lichtern den Trail entlang zum Col de la Gitte (2.322 Meter) hinauf – ein atemberaubender Anblick. Oben angekommen stehe ich plötzlich im Stau. Es geht steil bergab. Auf den nassen Steinen laufen alle extrem langsam. Der Läufer vor mir rutscht mehr den Berg hinunter als das er läuft. Alle 20 Meter fällt er auf den harschen Untergrund. Ich schaffe es zum Glück ohne Sturz.

Jetzt geht es nur noch um das blanke Überleben. Ich laufe dem Morgen und der nächsten Station Col du Joly (1.989 Meter) entgegen, denke nur noch an die nächste Kurve, den nächsten Hügel. Nach einer kleinen Unendlichkeit erreiche ich die Station. Ob ich genauso fertig aussehe, wie die anderen Läufer? In der Ecke wird ein Läufer von Ärzten versorgt – seine Fusssohle hat sich abgelöst. Manche liegen auf Feldbetten und schlafen, andere übergeben sich. Für viele ist es das Ende ihres Traums, in Chamonix über die Ziellinie zu laufen.

In der Morgendämmerung verlasse ich den Col du Joly. Das nächste Ziel: Les Contamines (1.170 Meter). Dort darf ich wieder von meinem Supportteam versorgt werden. Als ich dort ankomme, steigt Panik in mir auf: Mein Team ist nicht da. Ohne die letzte Ration Gels und Riegel wäre es undenkbar, weiterzulaufen. Zum Glück lassen sie nicht lange auf sich warten. Ich bin emotional angeschlagen, kann mich kaum noch bewegen. Das letzte Stück liegt aber noch vor mir. Als ich mich aufraffe, ist es wieder hell. Ich bin mittlerweile mehr als 24 Stunden unterwegs.

 

Kampf gegen die Cutoff-Time

An bestimmten Punkten der Strecke gibt es Zeitlimits. Erreicht man diese nicht in der vorgegebenen Zeit, dann wird man aus dem Rennen genommen. In knapp fünf Stunden muss ich in Les Houches (1.012 Meter) sein. Noch 1.500 Höhenmeter und 16 Kilometer. Es geht über den spektakulären Col du Tricot (2.120 Meter). In meinem jetzigen Zustand wird das eine knappe Angelegenheit. Andere Läufer versuchen es erst gar nicht mehr, steigen aus. Trotz allem: Aufzugeben kommt für mich nicht in Frage. Ich laufe weiter.

Das letzte Stück bis zum Col du Tricot ist ein knackiger Anstieg durch eine Rinne über 500 Höhenmeter. Die Sonne steht senkrecht zum Hang. Es wird sehr heiß und ich zwinge mich, regelmäßig zu trinken. Ich kann auf diesem Abschnitt ein paar Läufer überholen. Beim anschließenden Abstieg aber holen mich einige der gerade überholten wieder ein. Noch zwei Stunden bis zur Cutoff-Time in Les Houches. Es müsste zu schaffen sein. Jetzt beginnt das eigentliche Rennen für mich. Nachdem ich Bellevue passiert habe, erreiche ich Les Houches ganze zwölf Minuten vor der Zeitbarriere. Die Läufer um mich herum und ich feiern, als wäre es der finale Zieleinlauf. Ich gönne mir in Ruhe ein paar Getränke. Für die verbleibende Strecke bis Chamonix habe ich jetzt zwei Stunden Zeit.

 

Großes Trailrunning-Finale in Chamonix

Seit dem Start sind mehr als 32 Stunden vergangen. Mein Laufpartner und ich erreichen Chamonix (1.035 Meter) um kurz nach 15 Uhr. Der letzte Kilometer führt durch die kleinen Einkaufsstraßen, vorbei an den Menschen, die den Nachmittag in der Sonne geniessen. „Allez! Allez!“ feuern uns die Einheimischen an, einige Nicken uns voll Respekt zu. Noch eine letzte Kurve, wir biegen auf die Zielgerade ab.

UTMB TDS 2014

Endlich im Ziel, nach 119 gelaufenen Kilometern

Da ist er, der Zielbogen. Menschen stehen dichtgedrängt hinter den Absperrungen. Unser Supportteam feuert uns an. Wir laufen Arm in Arm auf die Fotografen hinter der Ziellinie zu. „Piep, piep“ … das Geräusch, als wir die Zeitnahmematten überschreiten, beendet unser Rennen nach 32 Stunden 27 Minuten und 10 Sekunden.

Euphorie, Freude, Stolz – direkt nach dem Zieleinlauf fühle ich nichts. Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich das geleistete verarbeitet habe. Letztendlich bin ich froh, dass es vorbei ist und wir es unbeschadet überstanden haben. Von 1.600 gestarteten Läufern erreichen nur knapp 1.000 das Ziel und verdienen sich somit die lang ersehnte Finisherweste. Ob ich es nochmal tun würde kann ich im Moment noch nicht sagen.

 

Strecke des UTMB TDS 2014