Ein Sommer in Grönland

Grönland – Ich bin allein. Es dauert eine Weile um das zu verstehen. Ich sitze auf einem Berg und schaue über den kleinen Fjord, der sich tief unter mir landeinwärts zieht. Auf der gegenüberliegenden Landzunge stehen etwa 50 Häuser – die Siedlung Oqaatsut. Es wird für lange Zeit das letzte Zivilisatorische sein, das ich zu Gesicht bekomme. Im Hintergrund sehe ich die Gletscher der Diskoinsel, die schwerfällig in Richtung der Diskobucht fliessen. Die Bucht ist voller Eisberge. Die Kulisse für das perfekte Outdoor-Abenteuer stimmt schon mal – los geht’s!

Vor wenigen Stunden habe ich meine Freunde verabschiedet, die mich bis nach Oqaatsut begleitet haben. Nach einem leckeren Abendessen im Gasthaus des Thüringer Auswanderer-Pärchens Uta und Ingo und einer erholsamen Nacht in einer deren Hütten haben sich die anderen auf den Weg zurück nach Ilulissat gemacht, um von dort die Heimreise anzutreten. Ich aber ziehe weiter nach Nordosten, mein Ziel ist das grönländische Inlandseis. Vor mir liegen vier Tagesetappen – zu Fuß, ohne Wege und ohne Markierungen.

Rund um den 70. Breitengrad Nord beginnt in Westgrönland die arktische Wüste. Abgesehen von ein paar Sträuchern, Gräsern und anderen Gewächsen ist die Fauna recht spärlich. Je weiter ich mich in Richtung Inlandseis bewege, desto unwegsamer wird auch das Gelände. Meine Route habe ich vorab auf dem Reisbrett grob geplant. Meine Camps liegen im Abstand von knapp 12 Kilometern Luftlinie. Das Essen für acht Tage, Koch- und Schlafausrüstung trage ich auf meinem Rücken. Soweit der Plan.

Ein Sommer in GrönlandAm ersten Tag komme ich gut voran und nach gut neun Stunden schlage ich mein Camp an einem kleinen See auf. Die Sonne steht knapp über dem Horizont – es ist höchste Zeit das Zelt aufzubauen und Wasser fürs Abendessen zu kochen. Sobald die Sonne hinterm Horizont verschwindet, stürzt sich die Temperatur dem Gefrierpunkt entgegen. Ich löffle meine Trekkingmahlzeit: Jägertopf mit Rindfleisch und Nudeln – aus der Tüte. Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder die Umgebung nach menschlichen Spuren absuche. Irgendwer muss hier doch sein? Keine Schritte, kein Murmeln, nichts. Ein Schwarm Wildgänse zieht in diesem Moment über mich hinweg. Bin ich wirklich allein? Die Einsamkeit ist ungewohnt – sie ist schön und beängstigend zugleich. Schon an diesem ersten Abend begrabe ich meinen guten Vorsatz und beschließe, eine SMS nach Hause zu schicken. Ein Blick auf mein Mobiltelefon holt mich etwas unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück: Kein Netz! Ich verstaue das Telefon ganz tief unten im Rucksack. Gebrauchen kann ich es in der nächsten Zeit nicht.

Die Nacht im Zelt war kühl. Im Sommer wird es hier im Norden nie richtig dunkel – mir fehlt jegliches Zeitgefühl. Wie lange habe ich geschlafen? Ist es schon morgen? Kann ich schon aufstehen? Ich stecke meinen Kopf aus dem Zelt. Die Sonne ist kurz davor, über den Felsen zu klettern, in dessen Schutz mein Zelt steht. Ich warte, bis die warmen Strahlen mein Camp erreicht haben und mache mich ans Frühstück. Für die nächsten Tage nehme ich mir vor mein Lager immer aufzuschlagen, wenn die Sonne eine Hand breit über dem Horizont steht, und aufzustehen wenn sie wieder so weit aufgestiegen ist. Meine Uhr schlägt im Rhythmus der Natur.

Abwaschen, frisch machen, zusammenpacken: Es dauert eine Stunde, bis ich abmarschbereit bin. Ein Blick auf die Karte sagt einen anspruchsvollen Tag voraus. Es weht ein ziemlich frisches Lüftchen. Wenig später klettere ich mehr als dass ich laufe – zwischen riesigen Gesteinsbrocken hindurch und über Geröllhalden. Der Wind trägt seinen Teil zu meinem mulmigen Gefühl bei. Kurz denke ich darüber nach, einfach umzudrehen. Niemand der mich daran hindert, niemand, den das stören würde. Die Neugier auf das, was vor mir liegt, siegt – der Wind trägt den Gedanken mit sich davon.

Abends schlage ich mein Zelt zwischen mannshohen Gesteinsbrocken auf. Ich mache mich auf die Suche nach Trinkwasser. Ich muss jede Gelegenheit nutzen, meine zwei Liter fassende Trinkblase aufzufüllen. Es wäre gefährlich, bei der körperlichen Anstrengung zu wenig zu trinken. Wenn du zusammenbrichst findet dich hier jedenfalls niemand. Ich schlucke – den sauren Geschmack dieses Gedankens herunter. An einem kleinen gluckernden Rinnsal fülle ich meine Wasservorräte auf. Der Wind hat inzwischen nachgelassen und Grönlands größte Plage erscheint auf der Bildfläche: Millionen von Mücken. Für sie bin ich eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan. Ich flüchte ins Zelt und erliege der Anstrengung des Tages.

Dritter Tag. Meine Gedanken drehen sich um das Alleinsein. Im Alltag gibt es fast keine Minute, in der man nicht redet, Nachrichten schreibt oder konsumiert. Hier draußen bleibt davon nichts. Was bleibt sind die eigenen Gedanken. Ein Gefühl der Freiheit und der Fokussierung stellt sich ein. Von Zeit zu Zeit spreche ich meine Gedanken laut aus. Ist das das sichere Zeichen dafür, dass ich verrückt werde? Ich habe es mittlerweile aufgegeben, nach Anzeichen dafür zu suchen, dass hier noch andere Menschen unterwegs sind. Ich bin allein, fühle mich in diesem Moment wie der einzige Mensch auf der Erde. Am Nachmittag taucht das Inlandseis in der Ferne auf – weit weg. Erst am nächsten Tag werde ich es erreichen.

Die letzen 500 Meter bis zum Inlandseis führen über eine gewaltige, steil abfallende Geröllhalde, die das zurückweichende Eis hinterlassen hat. Der Boden unter dem Sand und den Steinen ist dauerhaft gefroren. Überall knackt und raschelt es, wenn kleine Gesteinslawinen abgehen. Mehr gleitend als laufend steige ich den Geröllhang hinab, um ganz nah an die Eiskappe Grönlands heranzukommen – dem Ziel meiner Tour. Ich bleibe einige Stunden an diesem Ort, lausche dem Knacken des Eises. Eine große Eisscholle sieht aus, als würde sie sich jeden Augenblick lösen. Ich warte. Meine Gedanken kreisen um die Einsamkeit, um eine Sprite mit Eis und Zitrone, die ich jetzt gern hätte – und um die Weltkarte. Ich versuche mir klarzumachen, wo ich gerade bin. Hoffentlich geht alles gut. Hätte ich vielleicht vorsichtiger sein sollen, als ich den 500 Meter langen Abhang runter gerannt bin?

Das Inlandeis ist mein persönlicher Wendepunkt – auf der Karte und im Kopf. Ich trete den Rückweg in die Zivilisation an. Mittlerweile hat sich die Routine in meinen temporären Alltag geschlichen: laufen, Camp auf- und abbauen, navigieren mit Karte und GPS, Pause, kochen, waschen, Strecke machen. Und noch etwas hat sich eingestellt: Die Gewissheit, dass nach einem Berg immer ein weiterer kommt, der sich nicht umgehen lässt. Der Rückweg führt am Ufer des eindrucksvollen Kangia Eisfjords, 250 Kilometer nördlich des Polarkreises, entlang. Er ist einer der am schnellsten fließenden Eisströme der Welt. Im Fünf-Minuten-Takt krachen die Eisberge, die auf ihm treiben, aneinander. Das Wasser trägt das Donnerrollen so laut und dicht an mein Ohr, als würden die Eismassen direkt neben mir kollidieren.

Nur noch wenige Kilometer sind es bis nach Ilulissat, dem Ausgangs- und Zielort meiner Reise. Nach acht Tagen Einsamkeit treffe ich hier den ersten Menschen: den 63 Jahre alten Grönländer Karl Lindenhann. Blaues Hemd, grüne Hose, die Angel im Anschlag. Die Freude darüber, einen Menschen zu sehen, verbrüdert uns in der ersten Sekunde unserer Begegnung. Karl kommt gerade vom Fischen und Beerensammeln zurück. Er holt seine Errungenschaften des Tages aus seinem kleinen Rucksack und präsentiert sie mir voller Stolz: zwei Lachse, in einem kleinen roten Blechkasten die Beeren. Ich erzähle ihm von meiner Tour. „Ich habe dieses Jahr noch von niemandem gehört, der in diesem Gebiet unterwegs war. Dort ist doch nichts“, sagt er. Es ist genau das, was ich gesucht hatte – abseits der nicht vorhandenen Wege.

Karte Grönland – ANAMEA.de

 

Insider-Tipps Grönland

  • Abenteuerliche Bootstouren zu den Eisbergen bucht man in Ilulissat am besten bei den kleinen Anbietern. Die Touren, die das Touristenbüro anbietet, sind oft im Voraus ausgebucht.
  • Jedes Hotel bietet ein grönländisches Buffet an. Das beste gibt’s im Restaurant Mamartut in Ilulissat – Sushi, Eisbär, Lachs, getrockneter Fisch, alles, was das Herz begehrt.
  • Wer noch mehr Einsamkeit als auf dem Artic Circle Trail sucht, der sollte sich von Ilulissat mit ausreichend Verpflegung in Richtung Norden aufmachen.
  • Kein Geheimtipp, dennoch empfehlenswert: eine Tageswanderung von Ilulissat nach Oqaatsut (Rodebay) mit Übernachten bei Uta und Ingo Wolff im Gasthaus H8. Zum Abendessen gibt es deutsche Küche mit grönländischen Akzenten.
  • Individualreisende sollten während der Hauptsaison in den Herbergen (Vandrerhejm) unbedingt vorab reservieren – sonst bleiben nur teure Hotels oder der Campingplatz.
  • Wanderer können vor Ort problemlos und günstiger als in Deutschland Kartenmaterial kaufen – zum Beispiel im „World of Greenland“. Der kleine Shop in Ilulissat ist Touristeninfo und Reisebüro zugleich.
  • Im Sommer wächst überall die schwarze Krähenbeere – einfach zu sammeln und ein echtes Leckerli in der morgendlichen Müslischale.