Hardangervidda – Volle Kanne Winter

Die Hardangervidda ist mit rund 8.600 Quadratkilometern eine der größten Hochebenen Europas – und eines der schönsten Hochfjellplateaus Skandinaviens. Es liegt knapp 200 Kilometer westlich von Oslo und ist leicht mit der Bergenbahn zu erreichen.

Es ist ein grauer Wintertag Ende Dezember als wir die Hardangervidda in Norwegen erreichen. Zu zweit wollen wir einige Tage hier draußen in der Natur verbringen – trotz der Temperaturen, die weit unter dem Gefrierpunkt liegen. Von Oslo aus beginnt die Fahrt bis auf 1.222 Meter über den Meeresspiegel. Unser Zug hält in Finse, der höchstgelegenen Bahnstation Europas im nördlichen Teil des Hardangervidda-Hochplateaus unweit des Hardangerjøkulen-Gletschers. Es ist unsere erste richtige Wintertour – ein Härtetest für unsere Ausrüstung und auch für uns selbst. Schon der Norweger Roald Amundsen, der Polarforscher und Entdecker des Südpols, nutzte das Gebiet und seine rauen Bedingungen zur Vorbereitung auf seine Expeditionen.

Hardangervidda – Volle Kanne Winter

Der Bahnhof in Finse auf 1.222m

In Finse angekommen verlassen wir den Komfort der beheizten Bahn und treten hinaus in die eisige Winterwelt. Sofort kriecht die Kälte unter die Haut. Die wenigen Gebäude sind von Eis und Schnee überzogen – wie in einem romantischen Wintermärchen. Große Eiszapfen hängen von den Dächern herab. Im Windschatten der Bahnstation rüsten wir uns für den Aufbruch. Während wir das Gepäck auf den Schlitten festzurren und die Schneeschuhe bereit machen, stöbern die Windböen den Schnee um uns herum auf. Er hüllt uns ein. Wir müssen uns beeilen, um nicht vollends auszukühlen.

Um die Mittagszeit machen wir uns auf den Weg. Ende Dezember liegt die tägliche Sonnenscheindauer bei nicht einmal sechs Stunden. Bis zum Einbruch der Dunkelheit bleibt nicht mehr viel Zeit – nicht wenn wir unser Zelt noch im Hellen aufbauen möchten. Direkt unterhalb der Bahnstation betreten wir den gefrorenen See Finsevatnet und halten uns in südlicher Richtung. Auf der glatten gefrorenen Oberfläche kommen wir gut voran. Der Himmel ist wolkenverhangen, es weht ein eisiger Wind. Die Anstrengung der Bewegung wärmt uns von innen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen.

Die dicke Fellmütze schluckt auch die wenigen Geräusche der Einsamkeit, die Skibrille schränkt die Sicht ein. Der Wind um uns herum und das Knistern der Schneeflocken auf der Mütze lassen das Kommunizieren miteinander zur Herausforderung werden. Schweigend gehen wir hintereinander, legen so einige Kilometer zurück.

Wir haben den See lange verlassen und halten an den Hängen des Hardangerjøkulen Ausschau nach einem geeigneten Zeltplatz für die Nacht. Zwischen ein paar großen Felsen finden wir Schutz. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Um vor dem Wind geschützt zu sein, graben wir ein Loch für das Zelt. Eine schweißtreibende Arbeit. Wir stechen mit der Schaufel große Blöcke aus dem Schneebett und bauen so nach und nach eine anderthalb Meter hohe Schutzmauer. Zusätzlich verankern wir das Zelt, indem wir unsere Stöcke vergraben und daran die Abspannleinen befestigen. Der Wind ist unterdessen noch stärker geworden.

Endlich steht das Zelt. Wir verschnaufen im Windschatten, trinken, um nicht zu dehydrieren. Eine Ecke innerhalb der Schneemauer wird zur Küche erkoren. Mit von der Kälte tauben Fingern bauen wir den Benzinkocher auf, schmelzen drei Liter Wasser für Tee und Abendessen. Es ist eine Wohltat, etwas Warmes in den Händen zu halten.

 

15 eisige Stunden im Zelt

Der Wind ist noch stärker geworden und hüllt das Zelt in Schneetreiben. Es ist 16 Uhr – und drinnen mittlerweile stockdunkel. Das lange Ausharren bis zum Morgen beginnt. Fast 15 Stunden. Eingehüllt in unsere Daunenschlafsäcke liegen wir da und lauschen dem Wind. Mitten in der Nacht wachen wir auf, weil Schnee die Zeltwände an allen Seiten auf uns heruntergedrückt hat. Draußen herrscht Schneesturm. Doch einer von uns muss hinaus um das Zelt freizuschaufeln. Im Schein der Kopflampe verschwimmen die Schneeflocken zu weißen Linien. Es ist bitterkalt. Noch zwei Mal müssen wir das Zelt in dieser Nacht von Schnee befreien.

Nach einer kleinen Ewigkeit nehmen wir einen Lichtschimmer war: Es dämmert. Die Stunden im Zelt waren kalt, zermürbend – auch wenn wir die meiste Zeit schlafen konnten. Die Dämmerung ist wie eine Erlösung, ein Neuanfang – endlich wieder bewegen. Erneut müssen wir Schnee schmelzen. Es gibt heißen Tee und eine Suppe zum Frühstück. Nach der Stärkung ziehen wir nach und nach all unsere Kleidungsschichten wieder an. In der Nacht haben wir unsere Jacken im Vorzelt gelassen – ein Fehler. Meine ist so steif gefroren, dass ich Angst habe, die Ärmel beim Anziehen abzubrechen. Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter, als ich mich in die eiskalte Jacke quetsche. Nur langsam taut sie auf.

Der Schneesturm hat sich noch immer nicht gelegt. Wir klettern aus dem Zelt – und stehen im weißen Nirvana, einem sogenannten Whiteout. Die Landschaft verschmilzt mit dem Himmel zu einer konturlosen weißen Wand. Unsere Schlitten und Schneeschuhe sind unter einer Schneedecke verschwunden. Wieder heißt es: Schaufeln! Wir untersuchen unsere Ausrüstung. Im Zelt und auf den Schlafsäcken hat sich sehr viel Kondensfeuchtigkeit gesammelt. Wegen des Sturms konnten wir die Ventilationsöffnungen des Zelts nicht nutzen. Doch die so entstandene Feuchtigkeit ist nun gefroren. Der Schneesturm ist zu stark, um die Ausrüstung zu trocknen und einzupacken. Wir beschließen, alles an Ort und Stelle zu lassen und die Gegend ein wenig zu erkunden.

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Unser Zelt ist im Schnee kaum noch zu erkennen.

 

Unerwartet frühes Ende

Mit den Schneeschuhen kann man sich gut fortbewegen, größere Distanzen von zehn Kilometern oder mehr aber lassen sich nur mit Skiern bewältigen. Wir entfernen uns nur wenige Hundert Meter von unserem Lager. Im Windschatten einer Felsgruppe schmelzen wir Schnee für Tee und eine warme Mahlzeit. Drei Liter – in einer Stunde. Wir versuchen, in Bewegung zu bleiben, um nicht auszukühlen.

Langsam neigt sich der kurze Tag seinem Ende entgegen. Als wir zu unserem Zelt zurückkehren, ist es erneut völlig eingeschneit. Wir schaufeln die weiße Last beiseite und kriechen in unser klammes Nachtlager. Schnee schnelzen, Essen kochen. Die zweite Nacht bricht herein. Die Daunenschlafsäcke haben durch die Feuchtigkeit an Volumen, nicht aber an Wärmeleistung eingebüßt. Wir frieren glücklicherweise nicht.

Stunden der Dunkelheit, der Wind rüttelt am Zelt. Endlich: Der Morgen des dritten Tages bricht herein. Noch immer hat sich der Sturm nicht gelegt und noch immer können wir unsere Ausrüstung nicht trockenen. Auch wenn es schwer fällt: Wir beschließen den vorzeitigen Rückzug, da es keine Aussicht auf eine Wetterverbesserung gibt. Einige Stunden Fußmarsch später spuckt uns die Hardangervidda an diesem dritten Tag wieder in Finse aus. In dem beheizten Vorraum der Bahnstation warten wir auf die Bahn, die uns zurück nach Bergen bringen soll. Unsere Gedanken kreisen um die letzten Tage und Stunden in der Kälte. Eine Wintertour in der Hardangervidda ist vor allem bei schlechtem Wetter nicht zu unterschätzen. Wir sind dankbar für die Erfahrung, die wir machen durften. Mit Sicherheit werden wir wiederkommen – das nächste mal hoffentlich bei besserem Wetter.

 

Hardangervidda Winter – Tipps für eine Tour

  • Ausrüstungsgegenstände immer im Zelt aufbewahren – im Schnee kann leicht etwas verschwinden.
  • Thermoskannen für heiße Getränke und Suppen sind Gold wert.
  • Schlechtwetterperioden unbedingt aussitzen. Nur dann zusammenpacken und weiterziehen, wenn lebenswichtige Ausrüstungsgegensände wie der Schlafsack trocken verpackt werden können.
  • Ausreichend Benzin mitnehmen: Für Tee und warme Mahlzeiten haben wir 400 Milliliter pro Person und Tag benötigt.
  • Elektrische Geräte warm halten. Die Kälte macht den Batterien zu schaffen. Vor allem im Whiteout ist es Luxus, wenn man das GPS zur Orientierung nutzen kann.