Ägypter, Guanchen und eine Atlantikfahrt: Die Pyramiden von Güímar

Lavasteine türmen sich unter der kanarischen Sonne zu terrassenartigen Bergen auf. Die Pyramiden von Güímar auf Teneriffa geben der Wissenschaft Rätsel auf – und beflügeln die Phantasie der Besucher. Über die Baumeister wurde viel spekuliert. Eine Geschichte von alten Ägyptern, mexikanischen Maya, dem Urvolk der Guanchen und dem Geheimbund der Freimaurer.

Unten sind sie viereckig, oben eher spitz: Pyramiden sehen sich überall auf der Welt recht ähnlich. Die alten Ägypter bauten sie besonders hoch, das indianische Volk der Maya mochte sie eher stufig. Auch auf Teneriffa gibt es Pyramiden: Im Städtchen Güímar, im Osten der größten der Kanarischen Inseln, sind sechs davon zu sehen. Erbauer unbekannt.

 

Guanchen, Ägypter, Mexikaner

Bevor die Spanier den Archipel kolonialisierten, sollen die Guanchen – die Ureinwohner der Kanaren, über deren Herkunft wenig bekannt ist – die Steine aufeinandergeschichtet haben. Unter den Pyramiden wurden Artefakte der Altkanarier in einer Höhle gefunden. Die ersten Siedler kamen vor einigen tausend Jahren auf den Archipel, viele ihrer Nachfahren leben bis heute dort.

Kam die Idee für die Pyramiden mit den alten Ägyptern auf die Kanaren – bevor sie den Atlantik überquerten und ihre Architektur auch nach Amerika brachten? So zumindest lautet die Theorie des Forschers und Abenteurers Thor Heyerdahl. Die zuvor wenig beachteten Terrassenbauten weckten das Interesse des Norwegers, der den Komplex vor dem Abriss rettete und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Der Anthropologe glaubte fest an eine Verbindung zwischen alten Zivilisationen von Mesopotamien und Ägypten über Mexiko und Peru bis nach Polynesien.

 


Pyramiden im Größenvergleich

Pyramiden Güimar

Und es kommt doch auf die Größe an: Die Ägypter bauten einst die größte Pyramide der Welt: die Cheops-Pyramide. Selbst die Amerikaner haben es in puncto Pyramide nur auf einen 107 Meter hohen Hotel-Komplex in Las Vegas gebracht. Die Pyramiden auf Teneriffa wirken dagegen mit eine Höhe von nur 12 Metern fast winzig


 

Im ägyptischen Boot über den Atlantik

Thor Heyerdahl trat im Selbstversuch den Beweis an, dass man den Altantischen Ozean in einem Papyrusboot nach altägyptischer Bauart überqueren kann. Nachdem sich das erste Schiff „Ra“ 1969 im Meerwasser aufgelöst hatte, ließ Heyerdahl ein Jahr später die „Ra II“ in Marokko zu Wasser. Er schaffte mit dem Gefährt die Überquerung des Atlantiks und landete im karibischen Barbados. Ein Nachbau der „Ra II“ ist heute in Güímar zu sehen. Die beeindruckende Fahrt zeigt, dass die alten Ägypter die technischen Mittel für die Überfahrt hatten. Ein Beweis für den ägyptischen Ursprung der Pyramiden von Güímar ist sie damit allerdings noch nicht.

Pyramiden Güimar

Eine Pyramide voller Rätsel: Die Pyramiden von Güímar geben Anlass für Spekulationen. Ist ihr Entstehung bis heute doch immer noch nicht zweifelsfrei geklärt

Anfang der neunziger Jahre nahmen Archäologen der Universität von Laguna die Pyramiden genauer unter die Lupe und datierten die Entstehung des Komplexes auf das 19. Jahrhundert zurück. Sie sind damit die wahrscheinlich jüngsten Pyramiden der Welt – und möglicherweise ein Werk der Freimauerer. Schließlich war der Grundstücksbesitzer zur Zeit der Erbauung Mitglied der Geheimgesellschaft.

Aber mal Hand aufs Herz: Wer will schon wirklich eindeutig wissen, wer die Pyramiden wann und warum gebaut hat? Machen doch gerade die Spekulationen die Terrassenbauten zu filmreifem Stoff: alte Ägypter, ein untergegangenes Inselvolk, mittelamerikanische Indianer, eine Atlantiküberquerung und eine Geheimgesellschaft. Indiana Jones lässt grüßen!

 

Wo liegen die Pyramiden von Güímar?

Pyramiden Güimar Karte

 


Fotos: Jonas Stoll
Grafiken: Eike Mitte