Ihre sieben Hoheiten von Moskau: Stalins Schwestern

Moskau Sieben Stalin Schwestern

Höher, schneller, weiter! Moskau scheint nur eine Richtung zu kennen: vorwärts. Als wollten die Einwohner der 12-Millionen-Metropole ihre turbulente Vergangenheit auf der Überholspur hinter sich lassen. Gemauerte Zeugnisse sowjetischer Geschichte sind trotzdem überall zu sehen. Ein Städtetrip entlang der „Sieben Schwestern“ genannten Stalin-Hochhäuser.

Die Fassade des Hauses, das bis vor wenigen Jahren am zentralen Manezhnaya-Platz stand, war nicht symmetrisch. Hinter vorgehaltener Hand munkelte man, Josef Stalin, der die Moskauer Stadtentwicklung genau verfolgte, habe bei der Planung des Hotels Moskwa zwei unterschiedliche Entwürfe desselben Gebäudes unterzeichnet. Keiner der verantwortlichen Planer und Architekten habe sich getraut, den Genossen Generalsekretär, dessen Gewaltherrschaft Schätzungen zufolge bis zu 30 Millionen Todesopfer forderte, darauf hinzuweisen. Lieber habe man sich einfach an beide Pläne gehalten. Das architektonische Erbe des Diktators prägt bis heute die russische Hauptstadt: Acht Wolkenkratzer hat der Generalissimus in Auftrag gegeben. Sieben wurden vollendet. Die Silhouetten der „Sieben Schwestern“ prägen die Moskauer Skyline bis heute. Eine Tour durch die Straßen Moskaus im Schatten Stalins sozialistischer Kathedralen.

 

Auf Moskaus Gipfel

Moskau Sieben Stalin Schwestern

Moskauer Staatliche Universität. Am Fuße der Sperlingsberge liegt die Stadt. Der Blick schweift über das Luschniki-Olympiastadion hinweg in die Ferne bis zum Ostankino-Fernsehturm im Norden, der mit seinen 540 Metern Höhe wie eine Nadel in den Himmel sticht. Ein Ausblick, den schon Michail Gorbatschow als Student genießen konnte. Hier im Südwesten steht der Höchste der sieben Stalin-Wolkenkratzer: das 240 Meter hohe Hauptgebäude der Moskauer Staatlichen Universität. Das monumentale Haus ist von Parkanlagen umgeben. Die bronzenen Köpfe berühmter Absolventen flankieren den Weg zum Haupteingang, vor dem sich junge Autofahrer bei Neuschnee gerne zum Driften treffen. Etwas abseits auf dem Uni-Campus erinnert eine ewige Flamme an den Sieg über Nazi-Deutschland im „Großen Vaterländischen Krieg“.

Stalin Schwestern Moskau

Hotel Ukraine. In „Moskwa-City“ zeigt sich die Stadt von ihrer modernen, rasanten Seite. Fassaden aus Glas und Stahl verwandeln die Straßen in Schluchten, in die das Sonnenlicht nur indirekt dringt. Die Bürotürme des Geschäftsviertels überragen Stalins Hochhäuser längst – und immer noch wird gebaut. Am anderen Ufer der Moskwa, nur wenige hundert Meter entfernt, befindet sich das 198 Meter hohe Hotel Ukraine. Gegenüber der Luxus-Herberge steht das Weiße Haus – Dienstsitz des russischen Premierministers. Als 1991 alte Kader der Kommunistischen Partei das Rad der Zeit zurückdrehen wollten, kletterte hier der spätere Präsident der Russischen Föderation auf einen Panzer. Neben dem Kanonenrohr stehend sprach Boris Jelzin vor tausenden Demonstranten in ein Megafon. Das Ende der Sowjetunion war gekommen.

 

Von der Jausa zum Pazifik

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Kotelnitscheskaja. Im Osten, da, wo die schmale Jausa in die breite Moskwa mündet, reckt sich das 176 Meter hohe Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Straße in den Himmel. Ein paar Minuten zu Fuß entfernt liegt der Szenebezirk Kitai Gorod, wo Cafés, Bars und Clubs etwas weniger russisch und etwas mehr wie im Westen sind. Noch ein Stück weiter: das ehemalige KGB-Hauptquartier an der Ljubjanka mit seinen berühmt-berüchtigten Verhörzimmern im Keller. Heute hat hier der Geheimdienst FSB seinen Sitz. In einem Hinterhof um die Ecke lehnt eine rostige Stahlkonstruktion an der Wand: der Eingang zum ehemaligen Wohnhaus des sowjetischen Dichters Wladimir Majakowski – einer der Vorreiter des russischen Futurismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dem futuristisch umgebauten Gebäudes ist heute das Majakowski-Museum untergebracht.

Stalin Schwestern Moskau

Leningradskaja. Der Pazifik ist nur eine Zugfahrt entfernt. Wer in Wladiwostok in den Zug steigt, kommt sieben Tage im Schlafwagen und 9.288 Kilometer später hier an: am Komsomolskaja-Platz, der zu Füßen des 132 Meter hohen Hotels Leningradskaja liegt. Hier liegen drei der neun großen Moskauer Bahnhöfe dicht beieinander. Vom Jaroslawler Bahnhof führt die Route über das knapp 300 Kilometer östlich gelegene Jaroslawl nach Sibirien, vom Kasaner Bahnhofs geht es in die Hauptstadt der überwiegend muslimischen Teilrepublik Tatarstan. Die Schienen des Leningrader Bahnhofs enden in der nördlichsten Millionenstadt der Welt: Sankt Petersburg.

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Rotes Tor. Der Gartenring – die Straße, die sich ringförmig um das Moskauer Zentrum legt – ist an dieser Stelle relativ schmal. An anderer Stelle fahren die, nach dem Zerfall des Sozialismus reich gewordenen, sogenannten neuen Russen vorzugsweise in Limousinen deutscher Hersteller mit Hochgeschwindigkeit über die bis zu 18-spurige Ringstraße. Ein Hindernis, welches nur mithilfe von Unterführungen überquert werden kann. Das Haus am Roten Tor, 110 Meter hoch, ist eines von drei Stalin-Hochhäusern an dieser Verkehrsader.

 

Die Mauer am Arbat

Stalin Schwestern Moskau

Außenministerium. Der Arbat – eine etwa einen Kilometer lange Straße im westlichen Zentrum Moskaus – blieb von Stalins Stadtplanung weitgehend verschont und vermittelt einen Eindruck vom alten Moskau. Ein Highlight ist die Zoi-Mauer. Wiktor Zoi war Sänger der Band Kino, die in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in der Sowjetunion ganze Stadien füllte. Gorbatschows Reformprogramme, Perestroika und Glasnost, machten den Erfolg der Gruppe mit ihren politischen Texten möglich. Zoi starb 1990 auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei einem Autounfall in Lettland. Rockfans gedenken seiner bis heute an der bunt bemalten Mauer am Arbat. Am westlichen Ende der berühmtesten Fußgängerzone Russlands steht das 172 Meter hohe Gebäude des Außenministeriums.

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Kudrinskaja. Nicht nur zu sowjetischen Zeiten galten die Wohnungen im Hochhaus am Kudrinskaja-Platz als vornehme Adresse. Hinter dem Gebäude liegt der Moskauer Zoo, dessen Eingangsportal ein wenig an eine Ritterburg im Disneyland erinnert. Das 156 Meter hohe Haus am Gartenring ist nicht weit entfernt vom Neuen Arbat, dem breiten, von Plattenbauten gesäumten Boulevard, der parallel zum Alten Arbat verläuft.

Die „Sieben Schwestern“ sind auch ein Sinnbild für das sowjetische Selbstverständnis als Supermacht nach dem gewonnenen Zweiten Weltkrieg. Das unverwirklichte achte Hochhaus sollte übrigens in unmittelbarer Nähe zum Kreml entstehen – und das höchste des Ensembles werden. Nach Stalins Tod 1953 wurde der Plan jedoch nicht weiter verfolgt. Auf die bereits fertiggestellten Fundamente wurde ein anderer Bau der Superlative gesetzt: das Hotel Rossija. Mit einer Fläche von 240.000 Quadratmetern und 3.170 Zimmern auf 21 Stockwerken war es das größte Hotel Europas – bis es 2006 abgerissen wurde . Schöner war Moskau nach Stalin nicht. Aber imposanter.

 

Die „Sieben Schwestern“ in Moskau

Stalin Schwestern Moskau – Karte

 


Fotos: Jonas Stoll
Grafik: Eike Mitte