Mainapokhari – Bandh today?

Mainapokhari liegt fünf Busstunden von Nepals Hauptstadt Kathmandu entfernt – wenn man Glück hat. Meistens sorgen Reifenpannen und schwierige Straßenverhältnisse für wesentlich längere Fahrzeiten. Fast niemand hier besitzt ein Auto. Das Leben ist ursprünglicher, einfacher als in den Städten. Doch was das europäische Auge mitleidig als Hort der Armut betrachtet, ist aus nepalesischer Sicht ein aufstrebendes Örtchen.

Sonnig und wolkenlos – der Morgen zeigt sich versöhnlich. Holzschindel-gedeckte Dächer ragen aus dem hoch stehenden Mais. Ein bisschen weiter oben schlängelt sich ein schmales, dunkles Band aus Asphalt am Hang entlang. Aus dem Erdgeschoss dringt das unbesorgte Lachen der Kinder. Das fertige Frühstück ruht in den Töpfen auf der Feuerstelle aus Lehm. Unter größter Anstrengung hält ein schmächtiges, etwas verbogenes Eisengestell einen Topf über dem Feuer. Reis, Bohnen, Linsensuppe: Ama serviert das nepalesische Nationalgericht auf einem großen Metallteller mit erhöhtem Rand. Prakriti darf noch den Löffel zur Hilfe nehmen. Die Älteren essen mit den Händen, kneten die Zutaten zu Bällchen und schieben sie mit geübter Leichtigkeit mit dem Daumen in den Mund. Zum Frühstück und zum Abendessen: Ein Tag ohne zwei Mahlzeiten Dal Bhat wäre kein guter Tag.

Mainapokhari liegt fünf Busstunden von Nepals Hauptstadt Kathmandu entfernt – wenn man Glück hat. Meistens sorgen Reifenpannen und die schwierigen Straßenverhältnisse für wesentlich längere Fahrzeiten. Manchmal heißt es auch: „Bandh today!“, Streik. Das passiert gar nicht so selten. Zweimal im Monat, dreimal, manchmal sogar mehrmals pro Woche. An diesen Tagen ist Maina Pokhari abgeschnitten von allem, was nicht fußläufig zu erreichen ist. Fast niemand hier besitzt ein Auto. Wenn „Bandh“ ist, dann ist es noch ruhiger, dann sind die Menschen noch gelassener, noch freundlicher. „Bandh“-Tage sind nicht immer schlechte Tage. Der Ort hat kein Hotel, keine Pension. Es ist kein Ort, auf den man vom Reiseführer gestoßen wird. Selbst Google Maps ist Mainapokhari fremd.

Rot ist die Farbe der verheirateten Frauen

Rot die Ketten, rot so mancher Rock, rot ist der Tika, der Punkt, der am Scheitelansatz prangt. Armbänder und Ringe schmücken die von Furchen durchzogenen Hände, die ein Leben lang die umliegenden Reis- und Gemüsefelder bewirtschaftet haben. Erst wenn Amas und Bubas – Mutters und Vaters – Körper die schwere Arbeit nicht mehr zulassen, werden sie die Landwirtschaft ganz und gar den Jüngeren überlassen, mit denen sie unter einem Dach leben.

Mais, Gurken, Reis, Spinat, Rettich und Bohnen wachsen auf den terrassenartig angelegten Feldern rund um das Haus. Sie zu beackern ist maßgeblich Aufgabe der Frauen. Ein Teil des Gemüses landet auf dem Tisch der Familie. Alles was Ama und ihre Schwiegertochter Saraswoti nicht selbst verkochen oder trocknen und einlagern, wird auf dem Markt verkauft. Viel bringt das nicht ein.

Aber es ist ein kleiner Zuverdienst zu dem Geld, das Amas Sohn Prakash im knapp 200 Kilometer entfernten Kathmandu verdient. Andere Frauen versuchen es mit Kleidung oder Geschirr – eine kleine Auswahl, die gängigsten, die notwendigsten Dinge. Wer etwas Ausgefallenes, etwas Besonderes benötigt, muss sich auf die Reise in die Hauptstadt begeben.

Auch Fleisch steht auf dem nepalesischen Speiseplan. Inmitten der Schneidereien, Obst-Stände und Bekleidungsläden wird einer Ziege in Gemeinschaftsarbeit der Gar aus gemacht. Mehrere Männer braucht es, um das geköpfte Tier ausbluten zu lassen und zu enthaaren, bevor es im Topf und schließlich gemeinsam mit Reis, Bohnen und Linsen auf dem Essenstisch landen kann.

Ein Krankenhaus in Mainapokhari

Ordentlich einsortiert sind die Fläschchen und Pillenpackungen in den flachen Regalfächern. Es ist nicht viel, was Mainapokharis einzige Apotheke zu bieten hat, reicht gerade, um Schmerzen, Erkältungen und leichtere Erkrankungen in den Griff zu bekommen. Wer einen Arzt konsultieren will, muss eine mehrstündige Busfahrt auf sich nehmen, das nächstgelegene Krankenhaus ist 200 Kilometer entfernt. Hinzu kommen die regelmäßigen Streiks und starke Regenfälle, die einige Straßen unpassierbar machen. Nicht selten bleiben Krankheiten und Verletzungen unbehandelt. Jede zehnte Mutter sterbe bei der Geburt eines Babys, fünf Prozent der Kinder würden das 14. Lebensjahr nicht erreichen – weil es keine ausreichende medizinische Versorgung vor Ort gibt, sagt Jagat.

Es sind vor allem diese Fakten, die Prakashs Bruder dazu bewogen haben, ein kleines Krankenhauses in seinem Heimatort zu bauen. Er hat ein Grundstück seiner Familie zur Verfügung gestellt, ein Maisfeld. Unterstützung erhält der Inhaber einer in Kathmandu ansässigen Reiseagentur und Gründer der Organisation Himalayan Care Hands nicht nur von nepalesischen Geschäftsleuten, sondern auch aus Holland, wo gerade eine Partnerstiftung gegründet wurde. Auch wenn noch viel Arbeit vor ihnen liegt: Ein erster Schritt ist bereits getan. Der ehemalige Trampelpfad, der von der schmalen Asphaltstraße zum Krankenhaus hinunterführte, wurde Anfang 2011 zu einer breiteren Straße ausgebaut. An einigen Stellen verstärken Steine die Fahrbahn und verhindern, dass selbige sich in der Regenzeit in eine Schlammlawine verwandelt.

Prakash unterstützt seinen Bruder bei der Arbeit in der Agentur und bei der Organisation des Krankenhausbaus in Kathmandu. Höchstens einmal im Monat findet er die Zeit, seine Familie hier in Maina Pokhari zu besuchen, manchmal auch nur alle acht Wochen. Wenn er hier ist, versucht er zu helfen wo er kann; repariert das Haus, bringt die Kinder in die Schule. Ungeduldig streifen die kleinen Zicklein um seine Beine, als er die Äste und Blätter in den Hof trägt, die Familienvater Prakash für sie von den Bäumen geschnitten hat. Während die älteren Ziegen und Kühe an nicht allzu langen Leinen gehalten werden, erfreuen sich die Jungtiere noch der kindlichen Narrenfreiheit. Hungrig nagen sie an dem frischen Grün.

Im Hof reibt Saraswoti auf einem glatten Holzbrett geduldig den Schmutz aus den Kleidern ihrer Kinder und ihres Mannes. Das Wort Waschmaschine hat sie irgendwo mal gehört. Mit 19 Jahren hat sie die heute fünfjährige Prakriti zur Welt gebracht, drei Jahre später Sohn Prashant.

Seit ihrer Hochzeit lebt Saraswoti bei ihren Schwiegereltern, kümmert sich um die Kinder, den Haushalt und die Ziegen und Büffel. Noch ist fließend Wasser in den Häusern in Mainapokhari eine Rarität. An Wasserschläuchen am Wegesrand werden mehrmals am Tag mehrere Eimer zum Trinken, Waschen und Kochen abgefüllt und zum Haus getragen. In den Straßen kann man den ersten Gesprächen über Pumpen lauschen, manche Männer haben bereits Wassersammelstellen ausgehoben. Auch auf den Strom ist nicht immer ganz Verlass. In unberechenbarer Regelmäßigkeit kommen beim Abendessen Kerzen und Taschenlampen zum Einsatz.

Ein paar Blätter zerknülltes Papier, zwei Stifte, das Pausenbrot: Sowohl für den Inhalt als auch seinen Träger ist er viel zu groß, der blaue Rucksack, den Prashant sich auf den Rücken schnallt. Obwohl er erst zwei Jahre alt ist, geht er wie seine große Schwester Prakriti bereits in die Schule. Jeden Morgen werden die vom Spielen schon etwas mitgenommenen Kleider gegen Hemd, Bügelfaltenhose, Schlips und Gürtel getauscht, auf dessen Schnalle das Emblem der Schule prangt – einer Privatschule, die sich Prakash und Saraswoti rund vier Euro im Monat kosten lassen. Hinzu kommen Schuluniform, Stifte, Bücher. Nicht jeder hier kann sich diesen Luxus leisten.

Neben dem Stiftbecher und der nepalesischen Flagge steht ein kleiner Globus auf dem Schreibtisch der jungen Direktorin, an der Wand hängt der Stundenplan für die erste bis fünfte Klasse, den Kindergarten und die kleinsten der Kleinen, zu denen auch Prashant noch gehört.

Der Tag wird um 10.00 Uhr mit Nepali, Mathematik und Englisch eingeleitet und endet am Nachmittag mit Naturwissenschaft, Konversationstraining und den Extra-Kursen für Kinder, die ein wenig mehr Zeit benötigen, um den Stoff zu verinnerlichen. Es wäre gelogen zu behaupten, es herrsche eine besonders hohe Disziplin in den Klassen. Während die älteren Schüler sich konzentriert und ehrgeizig Mathematikaufgaben widmen, herrscht in den mittleren Klassenstufen ein fröhliches Chaos. Es bedarf eines freundlichen aber bestimmten Rufes des Lehrers, um die Kinder daran zu erinnern, dass es noch einen anderen Grund für ihre Anwesenheit in der Schule gibt, als das bloße Kindsein: Lernen! Es sind die großen Augen der Kleinsten, die dem Lehrer ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Die Antworten parat klettern sie über Tische und Bänke und werben um die Gunst ihres äußerst geduldigen Mentors. Es scheint, als hätten sie in ihren jungen Jahren eine Ahnung davon, dass sich besonderer Ehrgeiz einmal lohnen könnte.

Der kleine Bretterverschlag am Ortseingang ist ein Treffpunkt wie er im Buche steht. Hier halten die klapprigen Busse, die sich stundenlang die Serpentinenstraßen hinauf gequält haben, hier fahren sie wieder ab. Hier vertreiben sich die Wartenden die Zeit mit dem Kauf von Süßigkeiten. Kamala betreibt den Kiosk gemeinsam mit ihrer Mutter. Sie serviert Kekse in Blechschüsseln und viel zu süßen schwarzen Tee. In den Regalen türmen sich bunte Plastiktütchen mit Leckereien, die es sonst nur in der Stadt zu kaufen gibt. Lachende Augen, Worte in einer unseren europäischen Ohren fremden Sprache, ehrlich und fest zupackende raue Hände, die sich verabschieden um weiterzureisen. Vielleicht kann man ja schon etwas von dem Krankenhaus erkennen, wenn sie das nächste Mal kommen.

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